Noch nie hatte William ein so starkes Gefühl empfunden. Der blaue Planet! Heimat. Was für ein Wort! Noch nie hatte er die Bedeutung dieses kleinen Wortes so intensiv gespürt. Heimat! Nun, da alles vorbei sein sollte, wurde ihm bewusst, was Heimat für ihn war. Für ihn? Nein, für alle Menschen, alle Wesen, die dieser wunderbare blaue Planet jemals hervorgebracht hatte! Wie hatte er das den kleinen, zarten Pflänzchen nur antun können? Sie aus der Erde, aus der Heimat zu reißen, sie in diese lebensfremde, metallene Umgebung zu verpflanzen… Traurig. Traurig schaute er aus dem Bullauge auf den blauen Planeten. Wie aus weiter Ferne hörte er das Zischen der undichten Leitungen, hörte die eiligen Schritte der Crew auf den blechernen Planken hallen. »Sie versuchen es noch immer«, dachte er. »Was wollen sie denn tun? Wo, um Himmels willen, wollen sie denn hier, mitten im Weltraum, außerhalb der Erdatmosphäre Sauerstoff her bekommen? Wir sind dem Tode geweiht. Wir alle, zuerst die Menschen, und einige Wochen, spätestens einige Monate später die Pflanzen, denn sie brauchen ja auch etwas zum atmen, zwar keinen Sauerstoff, aber Kohlendioxid, und auch das ist irdischen Ursprungs und wird irgendwann alle sein«. William wurde traurig. Er hätte etwas versuchen können. Er hätte, wie all die anderen, verzweifelt durch die Gänge rennen können, hätte versuchen können, irgend etwas zu reparieren, oder wenigstens angestrengt nachzudenken, um eine Lösung zu finden. Es war hoffnungslos.
»Das kann doch nicht sein…« dachte William. »Ich bin noch nicht so alt. Ich hatte noch so viel vor in diesem Leben, habe Versprechen gegeben, die ich jetzt nicht einlösen kann. Habe Menschen, Freunde, Familie da unten, ganz weit weg auf diesem wunderschönen blauen Planeten, von denen ich mich nicht einmal mehr verabschieden kann.« Er spürte, wie er schwächer wurde. »Der Sauerstoff wird knapp… aber viel schlimmer noch als das Gefühl des langsamen Erstickens ist diese absolute Hoffnungslosigkeit. Wir haben keine Chance. Ich halte das nicht mehr aus, hier nur rumzustehen!« Mit einer abrupten Bewegung drehte er sich um und hastete über die blechernen Planken, vorbei an den Schlafräumen, vorbei an den panisch hin und her rennenden Crewmitgliedern in sein Labor. »Endlich Ruhe!« Er schloss die schwere Metalltür hinter sich. Das saftige Grün ließ seine Augen aufatmen. Er lächelte unwillkürlich, obwohl es für ein Lächeln an diesem gottverlassenen Ort weiß Gott keinen Grund gab.
Fasziniert betrachtete William die grünen, runden Pflänzchen in ihren schwarzen Plastiktöpfen. Schlicht sahen sie aus. Klein waren sie, je nach Alter so zwischen eineinhalb und fünf Zentimetern im Durchmesser. Verglichen mit anderen Pflanzen erschien ihm dies klein. Der Maßstab, den er zugrunde legen konnte, basierte allerdings nur auf seiner Erinnerung, denn William hatte bereits seit über drei Jahren schon keine andere Pflanze mehr gesehen. So lange schon befand er sich auf dieser Mission. Die Raumfahrtbehörde hatte ihn in das Weltall geschickt, zusammen mit etwa 42 Kakteen der Art Lophophora williamsii. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, wie die Pflanzen auf die veränderten Bedingungen im Weltraum reagieren würden. Im Falle einer dauerhaften Besiedelung wäre es unabdingbar, Nahrungspflanzen anbauen zu können. Allerdings waren bisher alle Versuche mit verschiedensten Pflanzenarten gescheitert. Übrig geblieben waren allein die Kakteen. Nun eignet sich Lophophora nur sehr bedingt als Nahrungspflanze und wächst zudem sehr langsam. Aber William hatte noch eine andere Aufgabe. Er sollte die Wirkung der in den Kakteen enthaltenen Alkaloide unter Weltraumbedingungen testen. Meskalin und die anderen Alkaloide bewirken eine Veränderung der Wahrnehmung. Insbesondere wird alles Lebendige sehr intensiv wahrgenommen. Die Wissenschaftler der Behörde hofften, dass dies ihn in die Lage versetzen würde, fremde Planeten aufzuspüren. Planeten, auf denen es Leben gibt, und die sich somit eventuell zur Besiedelung eignen könnten.
Drei Jahre hatte er warten müssen, bis die Kakteen groß genug waren. Zwei Mal hatte er es bisher probiert. Den Rausch hatte er beide Male als sehr ambivalent empfunden. Er war nach einer Weile nicht mehr in der Lage gewesen, sich auf der Kommandobrücke oder in den andere Teilen des Raumschiffes aufzuhalten, und war fluchtartig in das Gewächshaus zurückgekehrt. Die metallenen Oberflächen des Schiffes konnte er nicht aushalten. Die Glätte, die Kälte in den Händen, wenn man sie berührte und der scheppernde Klang der Schritte machten ihn wahnsinnig. Jedes Mal war er in das Labor zurückgekehrt und hatte seine Aufmerksamkeit stundenlang alleine auf das zarte Grün der Kakteen gerichtet, bis der Rausch abgeklungen war. Das Grün hatte ihn fasziniert. Strahlend war es und lebendig. Im Rausch konnte er das Fließen ihrer Säfte hören, ihre Energie sehen. Die kleinen Pflanzen pulsierten wie lebendige Herzen.
Ein heftiges Klopfen an der schweren Metalltür riss William aus seinen Gedanken. Vom Sauerstoffmangel benommen, drehte er sich zur Tür und öffnete sie. Einer der Kommandanten war es, der mit einem lauten, ausgelassenen Lachen in den Raum stürzte. »Ist der Arme schon verrückt geworden?« dachte sich William. Der Kommandant rang nach Luft. »Schau aus dem Fenster!« stieß er hervor. »Schau aus dem Fenster!« rief er. Sein Gesicht war nass. Der Kommandant hatte Tränen geweint. William wankte durch die Kakteen hindurch in Richtung des Bullauges. »Wir sind gerettet!« Tränen der Erleichterung. Durch das Bullauge konnte William einen Planeten sehen. Es war nicht die Erde, viel kleiner war der Planet, aber er war grün und pulsierend, voller Leben. »Sie senden einen Leitstrahl aus. Wir sind gerettet!«
Die Raumstation war vergleichsweise primitiv, eine ebene Fläche aus Sand und Steinen. Verstreut, scheinbar ohne jede Planung angelegt, lagen die Abfertigungshallen auf der Lichtung, dazwischen standen ein paar Tanklaster herum. Das gleißende Licht blendete William, als er über die blecherne Planke ins Freie trat und einen tiefen Atemzug nahm. Der kleine Planet roch frisch, nach grünen Pflanzen, fremden Früchten und im Sonnenlicht vertrockneter, krumiger Erde.
Es war Herbst. Florian T. hatte gerade den alternativen Nobelpreis verliehen bekommen. Die Geschichte begann mit einem Video, dass einen Schimpansen zeigt, der sich mit einem Frosch verlustiert, welches Bo auf Facebook gepostet hatte. Dieses Video inspirierte Florian T., eine Kette einschlägiger Sexshops zu gründen, deren Kerngeschäft im Verkauf speziell für diesen Zweck gezüchteter Frösche bestand. Vom durchschlagenden Erfolg seines Geschäftskonzeptes inspiriert, kam Florian T. auf die Idee, seine Frösche als sich selbst reproduzierende Verhütungsmittel mit integrierten Gleitmittel weltweit zu exportieren, was dazu führte, dass HIV/Aids besiegt wurde. Dafür bekam er den alternativen Nobelpreis verliehen. Doch seine Entdeckung schlug noch weitere Wellen. Es bildete sich eine neue, weltumspannende Frauenbewegung, denn die Verwendung von Fröschen als Verhütungsmittel führte zu einem revolutionären Lustgewinn der Frauen, die nun endlich in der Lage waren, Orgasmen zu bekommen (was durch Angela M. von offizieller Seite bestätigt wurde). Der weltbekannte Evolutionsbiologe Prof. Dr. D. Ummbeutel untersuchte das Phänomen und fand heraus, dass es sich bei der Gattung der Frösche ursprünglich um einen Teil des männlichen Organs gehandelt hatte, welches im Laufe der Evolution durch zu häufiges Masturbieren abgefallen war und sich zu einer selbstständigen Art entwickelt hatte. Die Theorie konnte anhand der Ähnlichkeit von menschlichem Sperma und dem Laich der Frösche bewiesen werden. Nun wuchs, nach Jahrmillionen der sexuellen Irrwege, endlich wieder zusammen, was eigentlich schon immer zusammen gehört hatte.
Durch die revolutionäre Entdeckung hatten die Herrscher dieser Welt endlich keinen Samenstau und keine Komplexe wegen ihrer kleinen Penisse mehr, wodurch sämtliche Gründe für Unterdrückung, Kriege und Massenmord auf einen Schlag verschwanden. Es trat das ein, was die Menschheit nie für möglich gehalten hatte: DER WELTFRIEDEN. Alle Menschen, Männer wie Frauen, vögelten nun glücklich und frei vor sich hin, und Flo und Bo bekamen mit Prof. Dr. D. Ummbeutel zusammen den Friedensnobelpreis verliehen.
Da Flo und Bo keine Spießer waren, d.h. in ihrem Leben noch nichts so recht auf die Reihe bekommen hatten, wussten sie mit den ganzen Preisgeldern nichts anzufangen. »Lass uns einen saufen gehen« schlug Flo vor. »Ok« antwortete Bo. Gesagt, getan, kehrten sie in einen Pub ihrer Wahl ein. Nachdem jeder der beiden etwa fünf Liter Guiness und ca. zwei Liter besten Single Malt konsumiert hatte, fühlten sie sich leicht angeheitert und hatten die Idee, auf das Schloss hochzugehen, um dort ein wenig zu chillen. Da es Herbst war, fanden sie ein paar Fliegenpilze und beschlossen, diese zu konsumieren. Weil die in den Pilzen enthaltene Ibotensäure erst durch das Trocknen zum psychogenen Wirkstoff Muscimol zerfällt, bereiteten sie die gesammelten Pilze mittels ihrer altbewährten Schnelltrockenmethode für den Konsum vor. Flo zog seine Beretta 950 Jetfire, die er stets bei sich trug, entfernte das Magazin und pulte das Pulver aus drei Patronen, welches sie zusammen mit den Pilzen in eine der historischen Kanonen, die im Schlosshof herumstanden füllten, um es anschließend durch das Zündloch in Brand zu setzen, woraufhin die getrockneten Pilze aus der Mündung flogen. Nachdem sie diese konsumiert hatten, verspürten beide einen starken Drang zu urinieren, denn schließlich hatten sie ja zuvor im Pub ein wenig Flüssigkeit zu sich genommen. Die historische Kanone, welche ihnen bereits zuvor gute Dienste geleistet hatte, diente als Pissoir. Von der Wirkung der Pilze leicht angeregt, bekamen sie Lust auf Mehr. Zufällig hatte Bo 5000 Gramm Salvia divinorum aus eigener Ernte dabei, nur leider fehlte das passende Rauchgerät. Sie schauten sich um und ihre Blicke fielen auf die Kanone, woraufhin beide die gleiche Assoziation hatten. Aus einem alten Kochtopf, den sie in einer Ecke des Schlosshofes fanden, bastelten sie sich einen Kopf, indem Flo mit seinem rechten Eckzahn ein Loch in den Boden biss. Sie steckten den Kochtopf auf ein Chillum, welches sie sodann in das Zündloch der Kanone einführten, und bauten auf diese Weise die wohl größte und massivste Bong aller Zeiten. Sie funktionierte gut, und nachdem jeder ca. 2500 Gramm Salvia durchgezogen hatte, bemerkten sie für die Dauer von etwa zehn Minuten ein leicht verändertes Körpergefühl. Um wieder runterzukommen, zogen sie noch ein paar Kochtöpfe Purple Haze durch die Kanone, welches Flo zufällig bei sich trug, und philosophierten für die Dauer von etwa vier Stunden über die tiefe Bedeutung der Terminologien »Hammerhart« und »volle Möhre«. Dabei hatten sie allerdings vollkommen vergessen, dass in der Kanone noch ihr Urin stand, welcher aufgrund der Tatsache, dass das Muscimol aus den Fliegenpilzen nicht verstoffwechselt wird, sondern unverändert in den Urin übergeht, zusätzlich leicht halluzinogen wirkte. Aber da sie das Ganze doch nicht so recht kickte beschlossen sie, zu Bo nach Hause zu gehen, um zu sehen, was die Vorräte dort hergeben würden. Dort angekommen, schlachtete Bo schweren Herzens zwanzig seiner mühsam gezüchteten Kakteen der Sorte Lophophora williamsii, welche für ihren besonders hohen Gehalt an Mescalin bekannt sind. Nachdem sie diese konsumiert hatten, verließen sie die Wohnung und zogen sich in den nahe gelegenen Wald zurück, da sie aufgrund des bitteren Geschmacks der Kakteen das Bedürfnis verspürten, kräftig zu reiern. Als sie sich auf diese Weise spirituell gereinigt hatten, bemerkten sie, dass sie durch den Konsum der Kakteen eine Verschiebung der Raum-Zeit-Achse ausgelöst hatten und fanden sich im Jahre 3451 n. Chr. auf einem Raumschiff im Weltall wieder. Aber dies ist eine andere Geschichte.
Am nächsten Tag erfuhren sie aus den Nachrichten, dass HIV/Aids auf eine großangelegte Propaganda der fünf weltgrößten Pharmafirmen zurückzuführen ist, welche den schleppenden Verkauf ihrer Medikamente ankurbeln wollten, und in Wirklichkeit nie existiert hatte. »Shit. Alles umsonst.«, konstatierte Bo. »Immerhin hatten wir ein bischen Spass« antwortete Flo. »Und wir haben den Weltfrieden erreicht.« »Ja,immerhin…«. Und so waren sie mit dem Verlauf des Abends recht zufrieden.
Anmerkung: Es handelt sich bei dieser Geschichte um frei erfundene Nonsense-Literatur. Es ist weder meine Absicht, Tierquälerei oder Drogenkonsum zu rechtfertigen oder dazu anzuregen, noch die Geschlechterfrage oder gar HIV/Aids in irgendeiner Form zu leugnen oder zu verharmlosen. Auch sollen die Begebenheiten dieser Geschichte niemanden zum Nachmachen anregen. In diesem Sinne: Don’t ever try anything of that at home or at any other place!
Überall liest man von der Krise. Von Milliardenbeträgen, die angeblich zur Stabilisierung notwendig sind. Zur Stabilisierung von Banken, Finanzmärkten, ganzen Staaten. Menschen fürchten um ihre Arbeitsplätze, um ihren Wohlstand, kurz um das, was ihrem Leben Sinn gibt. Viel wird getan, um bestehende Arbeitsplätze zu erhalten. Andere, meist jüngere, auch gut ausgebildete Menschen wiederum kämpfen um ihren Platz in diesem System. Sie kämpfen darum, einen Arbeitsplatz zu bekommen, eine Bleibe bezahlen zu können, irgendwie an der Gesellschaft teilhaben zu dürfen. Teilhabe an der Gesellschaft bedeutet in erster Linie schlichtweg Geld. Und das wird immer weniger in den Bereichen am unteren Rand. Ein Arbeitsplatz und Geld bedeutet gesellschaftliche Anerkennung. Mit einem Arbeitsplatz und Geld erkauft man sich die Existenzberechtigung in einer modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft. Man gibt seinem Leben einen Sinn.
Wer beides nicht hat, wird als minderwertig angesehen, gilt nach moderner Ethik erst einmal als faul, als arbeitsscheu, als Schmarotzer. Wir leben in einem sogenannten Sozialstaat, einer Solidargemeinschaft, in der schwache, arme und jene, die ohne eigenes Verschulden hilfsbedürftig werden, von der Gemeinschaft getragen werden (sollen). Ja, sie werden getragen, zumindest ein stückweit, werden vor dem Schlimmsten bewahrt, jedoch um den Preis ihrer Würde, die sie am Eingang der Arge abgeben müssen. Von nun an sind sie stigmatisiert, werden überwacht, sind Menschen zweiter Klasse, die fressen müssen, was man ihnen gnädigst vor die Füße wirft.
Wir sollten uns davon befreien.
Inzwischen gibt es auch von der jüngeren, sonst so stillen “Generation Krise” leisen Widerstand. Es formieren sich Initiativen wie diese hier:
http://www.generationkrise.de/
Sie stellen Forderungen nach gebührenfreien Studienplätzen, Übernahmegarantie in dem erlernten Beruf für alle etc. Das kann man gut verstehen, schließlich haben wir keinen Bock mehr, stiller, unbeachteter Fußabtreter der ökonomisch erfolgreichen Vorgängergenerationen zu sein. Nur leider scheinen derartige Initiativen nicht zu erkennen, was auf der Metaebene geschieht. Sie handeln als benachteiligte Akteure innerhalb eines Systems, ohne zu verstehen, dass das System selbst an seine Grenzen geraten ist. Ich frage mich schon lange, wieso unsere Politiker, von denen man doch annehmen sollte, dass sie halbwegs gebildete Menschen sind und zudem die besten Berater haben, keine Rezepte zu kennen scheinen, außer wieder und wieder das altbekannte Mantra des ewigen Wirtschaftswachstums vor sich hin zu beten. Unbegrenztes Wachstum auf einem begrenzten Planeten… Frau Merkel, Sie sind doch Physikerin, erklären Sie mir das doch bitte mal…
Deutschland hat nach dem Krieg einen rasanten Aufschwung erlebt. Ja, die Deutschen waren schon immer fleißige und arbeitssame Menschen, und sind es zu größten Teil immer noch. Aber was, wenn das alles nichts mehr nützt? Schon seit den 70er Jahren ist der Aufschwung vorbei. Der dennoch wachsende Wohlstand wurde fortan über Schulden finanziert. Und was passiert mit verzinsten Schulden, die man nicht bedient? Genau. Sie wachsen. Und wachsen. Und wachsen… bis irgendwann Schluss ist, und das ganze künstlich geschaffene Geld verdampft. Und dann? Tja das weiß ich auch nicht. Aber wir stehen gerade am Beginn des Verdampfungsprozesses und werden es sicherlich noch herausfinden.
Kultur verändert sich nicht schlagartig. Sie passt sich in einem langsamen Prozess über Generationen hin an. Bis vor etwa 200 Jahren Feudalismus, Bauern, die schuften, um eine herrschende Elite zu ernähren. Und dann, plötzlich, Industrialisierung. Kapitalismus, ja, mit Anfangsschwierigkeiten, aber dann, juhuu, Wohlstand für alle!
So funktioniert das nicht. Da wurde nicht eine ökonomische Kultur gegen eine neue getauscht. Kapitalismus ist die natürliche Weiterentwicklung des Feudalismus. Immer noch arbeiten die Massen, um den Wohlstand einer Elite zu sichern. Ok, er hat es geschafft, einer recht großen Masse zu relativem Wohlstand zu verhelfen, zumindest in Europa und den USA. Doch dabei vergisst man leicht, dass unser Wohlstand auf den Schultern von anderen wächst, die dabei immer ärmer werden. Man sieht sie nur nicht mehr, weil sie im Zuge der Globalisierung weiter weggerückt sind. Der ganze Quatsch mit der Entwicklungshilfe ist ebenfalls eine Ablenkung. Wenn Kapitalismus eine Weiterentwicklung des Feudalismus ist, ist der Neoliberalismus eine Weiterentwicklung des Kolonialismus. Und wie sollen sich diese Länder entwickeln, wenn unsere Entwicklung die Ursache für deren Armut ist?
Kapitalismus ist tatsächlich ein Zerstörungsprojekt. Serge Latouche bezeichnen “den Westen” als eine führerlos gewordenen Maschine, die sich alles einverleibt, um es zu vernichten, Natur, Menschen, Kulturen. Gut, wenn er jetzt langsam kollabiert. Forderungen nach Korrekturen innerhalb eines zerbrechenden Systems sind sinnlos. Stattdessen müssen wir uns die Frage stellen, wie wir unserem Leben außerhalb von Kapitalismus und ohne die heilige Dreifaltigkeit von Lohnarbeit, Geld und Konsum einen neuen Sinn geben können. Wie wäre es zum Beispiel mal damit: Jedes Wesen hat alleine durch seine Geburt auf diesem Planeten das Recht, ein freies und glückliches Leben zu führen, ohne Zwänge, egal ob es etwas tut oder nicht tut, einfach nur weil es IST, darf es SEIN. Das LEBEN selbst gibt ihm das Recht dazu. Nur mal so ein Gedanke für den Anfang…
Ich empfehle zu diesen Themen die Lektüre der Bücher des französischen Ökonomen und Philosophen Serge Latouche, sowie die Weltsystem-Theorie von Immanuel Wallerstein, die in groben Zügen in diesen Artikeln erklärt wird:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29687/1.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Immanuel_Wallerstein
http://de.wikipedia.org/wiki/Weltsystem-Theorie
Außerdem empfehle ich wärmstens die Arbeiten von Claudia von Werlhof, die den Kapitalismus aus einer ökofeministischen, für viele völlig neuen Perspektive heraus betrachtet und daher sehr heiß und kontrovers diskutiert wird:
http://diestandard.at/1265852135844/Interview-Kapitalismus-ein-Zerstoerungsprojekt
http://www.dnr.de/publikationen/drb/archiv/subsist.html
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Es war im Jahr 2000, als VW den Begriff “Generation Golf” mit einem Werbespot prägte. In seinem gleichnamigen Buch charakterisiert Florian Illies die zwischen 1965 und 1975 geborenen als eine im Wohlstand aufgewachsene, unpolitische und unkritische Generation. Geprägt durch eine Konsumkultur, die in den Achtzigern und Neunzigern ihren Scheitelpunkt erreichte, grenzte sie sich durch Materialismus und Markengläubigkeit von ihren Vorgängern, den politischen Achtundsechzigern ab. Die Generation Golf wuchs mit der Sicherheit auf, stets zwischen mehreren gut bezahlten Jobs wählen zu können. Was man verdiente, investierte man in Markenkleidung, schicke Autos (wie eben den neuen Golf) oder in die boomenden Aktien der New Economy. Das waren die fetten Jahre. Das Wirtschaftswunder hatte seinen Gipfel erreicht. Danach ging es recht plötzlich und rasant bergab. Die DotCom-Blase platzte, und Illies revidierte sein erstes Werk mit “Generation Golf zwei”.
Seither hat die Gesellschaft in Deutschland mehrere harte Brüche erlebt, die das Lebensgefühl der “Generation Golf” erschütterten. 9/11 traf die Weltwirtschaft nachhaltig. Spätestens aber nach der weltweiten Bankenkrise ist es aus mit der Unbeschwertheit. Eine ganze Reihe von Begriffen stehen derzeit in Konkurrenz als treffendste Überschrift für das Lebensgefühl der “post-Golf-Generation”. Die Praxis, eine eine bestimmte Gruppe mit dem Begriff “Generation XY” zu charakterisieren, hat sich allgemein eingebürgert, wobei man anmerken muss, dass eine solche Überschrift in den meisten Fällen (wie auch bei “Generation Golf”) nur für ein bestimmtes Milieu innerhalb einer Generation Geltung besitzt.
Der Begriff “Generation Praktikum” beispielsweise zog seinerzeit weite Kreise. In ihrem Buch “Die Lebenspraktikanten” beschreibt Nikola Richter die Erfahrung, auf der verzweifelten Suche nach einem festen Arbeitsplatz von einer prekären Beschäftigung in die nächste zu rutschen. Sehr treffend geschildert ist das Unverständnis der Elterngeneration und die Konflikte, die daraus erwachsen, sowie die tiefe Frustration, die ein solches “Leben in der Warteschleife” mit sich bringt. Richter legte mit ihrem Buch den Grundstein für ein ganzes Genre: Der “Praktikantenroman” wurde zum Sprachrohr eines Milieus von jungen Akademikern, meist Geistes- und Sozialwissenschaftlern, die in deutschen Großstädten ein neues Prekariat bilden.
Jünger und umfassender ist der Begriff “Generation Krise”. Auch er wird in der Regel auf junge Akademiker angewendet, umfasst aber auch Naturwissenschaftler, Ingenieure, Designer, Künstler usw. Dieser Begriff hat das Potential, wirklich eine ganze Generation zu beschreiben, denn die Krise als gemeinsame, prägende Erfahrung betrifft zunehmend auch nicht-akademische Berufe. Als “Generation Krise” wollen wir hier alle Menschen im Alter zwischen 25 und 35 bezeichnen, welche nach abgeschlossener Ausbildung bzw. Studium versuchen, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, auch jene, die bereits kurzzeitig Fuß gefasst hatten und bald darauf krisenbedingt wieder gekündigt wurden.
Was ist nun das gemeinsame Element dieser Generation? Der Begriff sagt es ja bereits: Die Krise. Ansonsten scheint es nicht viel zu geben, das die jungen Menschen zwischen 25 und 35 verbindet. Die “Generation Krise” ist sehr heterogen und splittert sich in zahlreiche unterschiedliche Milieus auf. Die Krise als Lebensgefühl ist das verbindende Element. Und, damit einhergehend, eine gesundes Misstrauen staatlichen Institutionen gegenüber. Die “Generation Krise” ist nicht unpolitisch, aber politikverdrossen. Mit Recht, denn die Politik kann und will nichts für sie tun. Ihrer Verdrossenheit steht die Ignoranz einer Politik gegenüber, die sich nicht für sie interessiert, denn sie macht nur einen kleinen, inhomogenen und zudem unzuverlässigen Teil der Wählerschaft aus, hat keine Lobby und trägt aufgrund ihrer prekären Lohn -und Lebensverhältnisse kaum etwas zu Staats -und Rentenkasse bei.
Den Menschen der “Generation Krise” gemeinsam ist ein tiefer Bruch in ihrer Biografie. Sie alle kennen noch das Leistungsprinzip, haben daran geglaubt und danach gehandelt. Ihre Eltern erzogen sie in dem Glauben, dass eine gute Bildung der Schlüssel zum gut bezahlten Traumjob sei. So gaben sie sich Mühe und investierten viel in ihre Ausbildung – um die Werte, nach denen sie lebten, innerhalb kurzer Zeit Stück für Stück wegbrechen zu sehen.
Da war der 11. September. “Es wird sich schon wieder erholen”, dachten die meisten wohl. Dann kam Hartz IV und wir sahen, wie ein großer Teil des Sozialstaates zurückgebaut wurde. Zu Anfang mögen die meisten gedacht haben, es würde nicht sie treffen, sondern “nur” die Langzeitarbeitslosen und diese Asozialen, die oftmals als Negativpropaganda im Fernsehen gezeigt werden. Inzwischen haben wahrscheinlich die meisten Menschen der “Generation Krise” schon einmal Bekanntschaft mit einer ARGE gemacht.
Diejenigen, die sich noch im Studium befinden, bekommen die Folgen des Bologna-Prozesses zu spüren. In den Bachelor -und Masterstudiengängen sollen sie zu möglichst schnell verwertbarem Kanonenfutter für die Wirtschaft erzogen werden. Hinzu kommen die Studiengebühren. Zwar wurde protestiert, doch war die Studierendenschaft nicht organisiert genug, um wirksam Druck auszuüben. Und wer nach dem Bachelor nicht gleich für ein Masterstudium zugelassen wird, muss oftmals Hartz VI beantragen, wo er/sie schnell Bekanntschaft mit einem ein-Euro-Job macht. Schließlich soll man sich schon mal an prekäre Arbeits -und Lohnverhältnisse gewöhnen. Viel besser wird es später nicht.
Und dann die Finanzkrise. Sie gab der Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Aufschwung den vorerst endgültigen Todesstoß. All dies zusammengenommen, haben wir nach den fetten Jahren der “Generation Golf” reichlich Veränderungen durchgemacht, von denen jede auf ihre Art einen Teil zur Verschlechterung der Lage beigetragen hat. Diese Lebenswelt hat die “Generation Krise” geformt.
Und ich habe noch einen schönen Begriff gefunden: “Generation abgewrackt”. Er bildet eine zynische Analogie zur Abwrackprämie als Synonym für kurzsichtige Politik, die versucht, scheinbar überkommene Strukturen am Leben zu erhalten, anstatt nachhaltige und zukunftsfähige aufzubauen und zu fördern. Die jungen, qualifizierten und enthusiastischen Protagonisten solcher neuen Strukturen wären die Männer und Frauen der “Generation Krise”. Doch die sind nichts mehr wert und werden abgewrackt. Wie der Golf, der eigentlich noch gut funktioniert und mit dem all dies begann.
Was also kann man tun? Eine gesellschaftliche Revolution wie etwa ’68 scheint derzeit in weiter Ferne. Erstens ist die “Generation Krise” zu heterogen, um eine solche gemeinsame Bewegung zu erschaffen. Zweitens sind die wenigsten willig, sich gegen ihre Elterngeneration zu stellen, da diese oftmals einen Teil zum Lebensunterhalt beitragen (müssen). Warum außerdem sich gegen die Eltern stellen? Sie mögen einen nicht verstehen, da damals eben alles anders und leichter war. Aber was können sie dafür? Womit wir bei Drittens wären, dem gemeinsamen Feindbild einer solchen Revolution: Es gibt keines. Denn weder unsere Eltern noch sonst jemand kann wirklich etwas für die zahlreichen Veränderungen zum schlechten hin. Gegen wen also aufbegehren? Kleinere Proteste mit spezifischen Zielen sind möglich und finden statt, wie die jüngeren, bundesweiten Studentenproteste zeigen. Doch für eine Revolution der Gesellschaft ist diese, den 68′ern sei Dank, bereits viel zu pluralistisch.
Natürlich gibt es Finanzhaie, käufliche Politiker, unmoralische Firmenbosse, Lobbys und Bad Banker, die das ihrige dazu beigetragen haben und beitragen. Doch sie alle sind “nur” Teile eines Systems und handeln als solche innerhalb ihrer Möglichkeiten. Und “das System” ist zu mächtig und zu festgefahren, um etwas daran zu ändern. Es wird Stück für Stück weiter zusammenbrechen. Auf unseren Schultern.
Aber wir sind auch die “Generation weitermachen”. Doch wie weitermachen? Wir sind orientierungslos, denn die Verhältnisse, wie wir sie kannten, haben sich sehr schnell verändert. So eine Krise mag schmerzhaft sein, hat aber auch ihre guten Seiten. Sie zwingt uns, zu reflektieren und über uns selbst nachzudenken. Sie zwingt uns zu einer Suche nach neuen Werten jenseits der “Arbeitsgesellschaft”. So sucht jeder für sich nach neuen Konzepten, neuen Lebensformen, denn wir sind heterogen und individualistisch. Wir wollen es sein. Der Individualismus gibt uns die Freiheit, uns selbst zu verwirklichen, was andere Generationen vor uns nicht ohne weiteres tun konnten. Und das verbindet uns; das “sich-in-Ruhe-lassen”, der gegenseitige Respekt vor unterschiedlichen Lebensentwürfen. Vielleicht ist dies die beste gemeinsame Basis von allen.
Anbei noch eine Linksammlung von verschiedenen Artikeln und Blogeinträgen zum Thema:
http://www.zeit.de/karriere/bewerbung/2009-12/arbeitsmarkt-jugend
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-01/generation-abgewrackt
http://www.popmat.net/content/?p=1357
http://www.zeit.de/online/2009/02/jugend-protest-deutschland
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2108542_0_9058_-wirtschaftskrise-jung-kompetent-diplom-sucht-.html
http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,627412,00.html
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/965/491334/text/
http://www.mercedes-bunz.de/texte/urbaner-penner
http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,630114,00.html
Was Gerd Namungton beobachtet hatte, widersprach so ziemlich allen physischen Gesetzen, an die sich das Universum während der letzten fünfhundert Milliarden Jahre gehalten hatte. Bis sie ihn aufspürten, hatte er nicht geglaubt, dass seine Beobachtung dieses Universum betraf. Er hatte sie für einen kurzen Blick in ein fremdes Universum gehalten, der ihm, und zwar nur ihm, von den Substanzen geschenkt worden war.
Nun hatte sich der scheinbare Traum als harte Realität erwiesen. Das Phänomen war offensichtlich in bestimmten Kreisen bereits seit längerem bekannt. Die wenigen, die davon wussten, unterlagen strengster Geheimhaltung. Seit Gerd zum erlauchten Kreise der Beobachter gehörte, hatte sich sein Leben in einen Agentenfilm verwandelt. Sie hatten ihn entführt und schotteten ihn in diesem Hochsicherheitstrakt von allen anderen Menschen ab. Nicht, dass er jemanden vermisst hätte. Auch behandelten sie ihn nicht schlecht. Sie gaben ihm zu Essen, wann immer er danach verlangte. Gut, sie sprachen kaum mit ihm, außer, wenn sie ihn in ihrem barschen, zackigen Ton verhörten. Aber so sind sie eben, die Militärs. Und das war ihm eigentlich ganz recht. Schließlich war auch er kein Mann vieler Worte.
»Sind sie sicher, dass das alles war?« Gerd hob den Kopf und starrte auf die Orden, mit denen die Brust des Obermackers, der da breitbeinig vor ihm stand, dekoriert war. »Zumindest diesen Orden und Sternchen nach zu urteilen muss er der Obermacker sein«, dachte Gerd. Er hatte keine Ahnung von militärischen Rängen und Dienstgraden. »Ja, das war alles«, erwiderte er. »Nun gut. Wir werden sie zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal befragen, wenn die Konzentration der Substanzen in ihrem Blut etwas niedriger geworden ist.« Der Obermacker kehrte ihm den Rücken zu und verließ mit gewichtigen, stolzen Schritten den Raum.
Gerd war es leid, hier herumzusitzen. Er erhob sich und sah sich um. Sein Blick suchte nach etwas Ablenkung. Aber da war nichts. Der Boden und drei Wände des Verhörzimmers waren weiß gekachelt, die vierte Wand bestand aus einer großen, schwarzen Scheibe. »Dahinter stehen die anderen Obermacker und beobachten mich«, dachte Gerd. »Wie im Film. Klar.« Die Decke des Raumes war schwarz. Bedrückend. Die einzigen Gegenstände bestanden aus einem einem schlichten, weißen Tisch und zwei Stühlen. »Alles genau geplant. Alles seinem Zweck entsprechend eingerichtet.«, dachte er. »Die Glasscheibe, hinter der sie dich beobachten. Keine Gegenstände im Raum, damit du nicht abgelenkt wirst oder irgendetwas davon als Waffe gebrauchen kannst. Die schwarze Decke drückt dich förmlich runter, und die weißen Fliesen sind so steril, dass kein Gedanke daran hängenbleiben kann.« Gerd durchschnitt den Raum mit hektischen Schritten. »Wer hier längere Zeit alleine ist, muss verrückt werden.« Langsam stieg Angst in ihm hoch. »Halten die mich hier fest? Oder kann ich…« Vorsichtig näherte er sich der Tür. Sie war ebenfalls weiß. Doch bevor er seine Hand auf die Klinke legen konnte, kam ihm jemand von der anderen Seite zuvor und drückte sie herunter. Gerd schreckte zurück. Schnell fing er sich und versuchte, einen möglichst gelassenen Eindruck zu machen. Eine junge Frau betrat den Raum. »Ich bin Eva«, stellte sie sich vor und streckte ihm die Hand zur Begrüßung hin. »Gerd Namungton«, erwiderte er murmelnd.
Die Frau trug einen weißen Ärztekittel. Ihr langes blondes Haar war perfekt gekämmt und floss gleichmäßig und glatt ihren schlanken Rücken entlang. »Sie ist sexy«, dachte Gerd. »Aber nicht hübsch. Sie wirkt so streng und unnatürlich… diszipliniert, karrierebewusst, zielstrebig und total von sich eingenommen. Genau die Art Frau, die ich nicht leiden kann. Sofern ich überhaupt welche leiden kann… Ob sie ohne diese strenge schwarze Kunststoffbrille wohl etwas sanfter aussieht? Diese Brille ist eine Maske. Der Kittel ihre Tarnung…« »Ich bin die Psychologin hier am Institut«, unterbrach die Frau Gerds Gedankenfluss. »Wir werden jetzt ein Gespräch führen. Setzen wir uns«, sagte sie. »Ihre Stimme ist genau so glatt und streng wie ihre Aufmachung.« Diese Stimme duldete keinen Widerspruch. Gerd ging zum Tisch. Er nahm sich vor, seine Phantasie anzuregen, indem er sich die strenge glatte junge Tussi nackt vorstellte.
»Sie haben also an dem fraglichen Abend Drogen konsumiert?«, fragte sie ihn. »Woher wisst ihr das?« »Empirische Beobachtung«, antwortete sie trocken. »Sie haben mich beobachtet?« Gerd war aufgebracht. »Wie lange schon?« Seine Hände begannen zu zittern. »Ich stelle die Fragen, lieber Herr Namungton. Beruhigen sie sich. Ihr Konsum verbotener Substanzen steht hier nicht zur Debatte. Unser Interesse ist rein wissenschaftlich und dient einzig und allein der empirischen Forschung.« »So aalglatt und selbstbewusst… dabei hat sie doch nicht die geringste Ahnung.« Gerd fühlte eine ohnmächtige Wut in sich aufsteigen. »Also, Herr Namungton, welche Art von Substanzen haben sie an jenem Abend konsumiert?« »Pilze. Und Bier.«, antwortete er kurz. Die Tussi machte zwei Kreuze auf dem Bogen, den sie so in der Hand hielt, dass Gerd ihn nicht einsehen konnte. »Was schreiben sie da?« »Ich fülle ihren Profilbogen aus, um ihn mit den anderen zu vergleichen. Sie haben also Pilze konsumiert. Psychoaktive Substanzen.« »Ja. Das habe ich ihnen doch gesagt.«, antwortete er verbissen. »Gut. Sie leben alleine?« »Das wissen sie doch offensichtlich schon alles. Warum fragen sie mich noch?« Sie hakte einen weiteren Punkt auf ihrem Formular ab. »Pflegen sie regelmäßigen Kontakt zu Verwandten oder Freunden?«, fuhr sie sachlich fort, ohne auf seine Bemerkungen einzugehen. »Nein. Und wenn sie es genau wissen wollen: Ich lebe in meiner kleinen Wohnung in diesem Asozialenviertel wie ein Einsiedler. Meinen Eltern passt mein Lebensstil nicht. Freunde habe ich keine, weil mich Menschen nicht interessieren. Das einzige, was ich tue, ist im Wald wandern, Pilze sammeln und Bier trinken.« »So genau brauche ich es nicht«, sagte sie. »Aber danke. Gehen sie einer geregelten Arbeit nach?« »Was denken sie denn?« Gerd lächelte zynisch. »Klar, ich bin Vorstandsvorsitzender eines Weltkonzerns.« Die Tussi machte ein weiteres Kreuz. Es war unmöglich, sich diese Frau nackt vorzustellen.
Die Tür öffnete sich und die Orden traten mit stolzem, gewichtigen Schritt an den Tisch. Der Obermacker beugte sich zu der Tussi hinunter und schaute auf das Formular. »Und? Was Neues?«, fragte er. »Noch nicht. Aber ich habe bisher nur das Profil für den Vergleich mit den anderen erstellt. Der Rest ist ihre Sache.« »Wenigstens ist sie zu ihm genauso kühl wie zu mir«, dachte Gerd. »Und wie sieht es bei ihnen aus?«, fragte die Tussi den Obermacker. »Alle Hände voll zu tun. Haben wieder ein paar neue reinbekommen.« Ungläubig schüttelte sie ihren Kopf. Fast zu perfekt floss das glatte Haar über ihre Schultern. »Der Macker ist wenigstens unrasiert. Aber sie sieht aus wie aus Plastik.«
Die Tussi stand auf und verließ den Raum. »Also, Herr Namungton, ihre Blutwerte dürften sich soweit normalisiert haben.« Der Obermacker setzte sich. »Erzählen sie mir bitte noch einmal genau, was sie an jenem Abend beobachtet haben.« »Das habe ich doch bereits.« Gerd war erschöpft. Dieser ekelhafte Raum machte ihn fertig. »Ich würde es aber gerne noch ein weiteres Mal hören. Wir müssen schließlich feststellen, inwieweit ihre Beobachtungen real waren, und welche Teile davon auf den Konsum der Substanzen zurückzuführen sind.« »Sie sind gut. Wenn ich das wüsste… bis die Agenten in ihren schicken schwarzen Anzügen vor meiner Tür standen, dachte ich auch, es wäre alles ein Trip gewesen.« Gerd hatte keine Lust mehr auf Verhöre. »Wer bin ich eigentlich, dass sie mich hier festhalten und verhören? Woher kommt dieses Interesse? Und wie lange beobachten sie mich schon?« »Beantworten sie bitte meine Fragen.« Der Obermacker rieb sich das gerötete Gesicht. Er sah übermüdet aus. »So eine wichtige Uniform. So viele Orden. Und doch nur ein Mensch.« Gerd witterte seine Chance. »Nein!«, sagte er mit Bestimmtheit. »Ich will wissen, was hier los ist. Wenn sie mich weiter in diesem Raum festhalten, drehe ich durch!« Der Obermacker starrte ihn aus kalten, zusammengekniffenen Augen an. Für einen Moment dachte Gerd, er sei über das Ziel hinausgeschossen. Sein Herz schlug schneller. Gleich würde der Obermacker einen anderen Macker zu Hilfe holen, und dieser andere Macker würde schlimme und schmerzhafte Dinge mit ihm anstellen. »Nun gut. Ich werde ihnen etwas zeigen. Vielleicht sind sie ja dann bereit, mit mir zu reden.« »Puuh!« Erleichtert atmete Gerd aus. »Ihr Profil entspricht dem der anderen Beobachter. Leuten wie ihnen glaubt sowieso kein Mensch.« Der Obermacker stand auf. »Was soll das heißen, Leuten wie mir? Wer ist da noch? Wer sind die anderen?« »Kommen sie«, winkte er und ging mit gewichtigen, nicht mehr ganz so stolzen Schritten zur Tür.
Der Raum, den sie betraten, war groß wie eine Halle. Eine Laborhalle. Er war ebenfalls weiß gefliest, doch die zahlreichen Tische mit Instrumenten, die an den Wänden aufgereihten Bahren und die vielen, hektisch umherlaufenden Menschen dämpften seine Sterilität etwas. Sie trugen Laborkittel, wirkten gestresst und riefen sich gegenseitig von allen Seiten unverständliche Fachausdrücke zu. Einige standen in Gruppen und diskutierten angeregt. Es herrschte Chaos. Die Wissenschaftler, oder was auch immer sie waren, wirkten ratlos. Und genau diese spürbare Ratlosigkeit verlieh dem Raum eine menschliche, beinahe warme Atmosphäre. Zumindest empfand Gerd es nach dem langen Aufenthalt im Verhörzimmer so. Doch was taten all diese aufgebrachten Menschen hier? Vom ersten Eindruck überwältigt, versuchte Gerd, seine Gedanken zu ordnen. Die meisten von ihnen standen um die Bahren herum. Ja, es waren Bahren. Mit weißen Tüchern abgedeckte Tragbahren.
»Kommen sie, Herr Namungton. Ich will ihnen etwas zeigen«, winkte der Obermacker ihn heran. Die weißen Laborkittel machten bereitwillig Platz. Sie waren beschäftigt wie ein Haufen Ameisen. Keiner von ihnen sah ihn oder den Obermacker an. Gerd trat an die Bahre. Der Obermacker lüpfte das weiße Tuch und legte einen Körper frei. Er war klein wie ein Kind von etwas zehn Jahren, von der Gestalt her jedoch unförmig, die Gliedmaßen dürr, wie verkrüppelt. Seine Haut war von einem gräulichen Weiß, seine Augen riesig, tiefschwarz und ohne jeden Ausdruck, wie die überdimensionalen Augen eines Insekts. Der Anblick des kleinen, toten Körpers überraschte Gerd. So etwas hatte er nicht erwartet. Dennoch schockierte er ihn nicht, noch rief er irgendwelche Gefühle, die man beim Anblick eines toten Körpers erwarten mag, in ihm hervor. Zu fremd, zu unmenschlich war die Erscheinung.
»Sind dies alles…?«, stotterte er und deutete auf die anderen Bahren. Der Obermacker nickte. »Was ist das? Wer sind sie?« »Das wissen wir noch nicht. Um es herauszufinden, führen wir all diese Untersuchungen durch. Aber sehen sie, welche Kreise es zieht?« Der Obermacker deckte den Körper wieder zu. »Dies alles hat mit meiner Beobachtung zu tun?«, fragte Gerd ungläubig. »Nun, wir machen diese Untersuchungen bereits seit längerem. Ob und wie sie mit dem Phänomen in Zusammenhang stehen, versuchen wir derzeit herauszufinden. Offenbar haben nur Menschen wie sie es bisher zu Gesicht bekommen.« »Menschen wie ich? Was meinen sie?« »Nun, alle Zeugen, die wir bisher vernommen haben, entsprechen ihrem Profil. Alleinstehend. Eigenbrötler ohne soziale Bindungen. Regelmäßiger Konsum psychoaktiver Drogen. Zum Zeitpunkt der Beobachtungen standen alle bisher vernommenen Zeugen unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen.« Gerd konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Haben sie denn schon einmal…? Ich meine, sie wissen vermutlich nicht, wie das ist. Man sieht alle möglichen Dinge auf so einem Trip. Und sie entführen und verhören die ganzen Drogis und denken, wir hätten im Trip irgendwelche Staatsgeheimnisse beobachtet…?« »Sie finden das offenbar lustig, Herr Namungton. Aber die Lage ist ernst. Immer häufiger kommt es zu Auffälligkeiten. Etwas scheint aus den Fugen zu geraten. Und seltsamerweise beobachtet ihr ‘Drogis’ zu verschiedenen Zeitpunkten alle das gleiche Phänomen. Dasselbe, welches wir mit unseren Apparaten messen können. Anscheinend öffnen die psychoaktiven Substanzen so etwas wie einen Wahrnehmunskanal, durch den das Phänomen sichtbar wird.« Der Obermacker sah Gerd eindringlich an. »Sie müssen uns helfen, dem auf den Grund zu gehen, Herr Namungton. Und zwar, indem sie uns alles bis ins kleinste Detail erzählen.«
Im dunklen Wald fand Gerd sich wieder. »Sie haben mich ausgesetzt. Einfach so ausgesetzt. Nachts im Wald.« Er rappelte sich auf und klopfte sich die nassen, fauligen Blätter von der Kleidung. »Diese Schweine! Aber der Obermacker hat es ja gesagt. Leuten wie mir glaubt sowieso niemand etwas. Erst recht nicht so eine Story.« Gerd kannte den Wald. Oft ging er hier spazieren. Es war nicht weit bis zu seiner Wohnung. Er griff in die Hosentasche und fand ein winziges, trockenes Krümelchen. »Wenigstens etwas.« Vorsichtig legte er den Krümel auf seine Handfläche, leckte ihn auf und kaute intensiv auf ihm herum, um möglichst viel davon zu haben. Dann machte er sich auf den Heimweg. Nicht lange, da sah er schon die Lichter der Hochhäuser. Nur noch wenige der Wohnungen waren beleuchtet. Wie spät mochte es wohl sein? Gerd besaß keine Uhr.
Er trat in die Tristesse der Trabantenstadt, die sein Zuhause war. »Wenigstens funktioniert in diesem Teil noch die Straßenbeleuchtung.«, dachte er. Er liebte und hasste sein Viertel. Vor allem des Nachts rief der Schein der Straßenlaternen auf dem dunkelroten, abgenutzten Pflaster Melancholie in ihm hervor. Eine Melancholie, die von ganz tief unten kam. Ob die anderen Bewohner sie wohl auch spürten? Wahrscheinlich nicht. Es war seine Melancholie. Seine ganz persönliche Interpretation dieses Viertels.
Die Fassaden der Hochhäuser, die sich um die betonierten Gestaltungsversuche öffentlicher Plätze gruppierten, bestanden aus dunkelbraun gestrichenen Eternitplatten. Um die Eingänge herum hingen sie zerbrochen von der Wand oder lagen auf dem Boden, die Eingänge selbst waren dunkel, voller Müll und strömten Uringeruch aus. Nackte graue Litfaßsäulen, die niemand mehr brauchte, waren mit Parolen besprüht. Ein paar Sträucher mickerten zwischen Flaschen und Scherben in ihren Einfassungen herum. Raum, von Menschen für Menschen gestaltet. Waren sich die Architekten der Wirkung der von ihnen entworfenen Räume bewusst? Wussten sie, dass genau diese öffentlichen Räume, dieses dunkelrote Pflaster, das Dämmerlicht der Laternen, das dunkle Kackbraun der Fassaden, die grauen, einsamen Litfaßsäulen, der Charme des Kaputten, in Gerds Psyche eine Melancholie erzeugten, die ebenso traurig wie schön, ebenso inspirierend wie tödlich sein konnte? Architektur, gestalteter Raum, kann eines der schlimmsten Verbrechen sein. Und doch immer die Heimat von irgendwem. Manche haben keine Wahl. Sie müssen ihr Viertel lieben, auch wenn sie es hassen. Ihre Heimat. Sie haben keine zweite.
Traurig schritt Gerd zwischen den Häusern entlang, hielt auf das U-förmige, kackbraune Sozialbaumonster zu, in dem sich seine Wohnung befand. Noch einmal wendete er sich um und blickte durch die Gasse zwischen zwei Häusern auf den Wald, aus dem er gekommen war. Da war es wieder. Zum zweiten Mal sah er das Phänomen. Der volle Mond stand zwischen den Häusern und tauchte den Wald in milchiges Licht. Gerd sah ihn zweimal. Zwei Monde. Einmal in normaler Größe, einmal vergrößert, wie durch ein Fernrohr. Kontinente und Landschaften waren mit bloßem Auge zu erkennen. Gebannt blieb er stehen und beobachtete das Schauspiel. Mit der Zeit erschienen Planeten, immer mehr Planeten, und sie begannen, um den riesigen, blutroten Mond zu kreisen. Immer schneller und wilder… Als würden sie tanzen. Gerd fühlte, dass diese Beobachtung seine war. Die wilde, apokalyptische Schönheit des Schauspiels gehörte nur ihm. Eine Lied stieg in ihm auf. »It’s the end of the world as we know it, and i feel fine…« Gerd sah, dass auch die Erde in diesem seltsamen Reigen um den blutroten Mond herum kreiste. Immer wilder kreisten die Planeten, gerieten aus ihren Bahnen, verloren die Kontrolle, tanzten freudig, tollkühn, sehnsüchtig, rauschhaft, wie in Ekstase. Eine Hälfte der Erde war schwarz verkohlt. War sie der Sonne zu nahe gekommen?
Herr Arbalo aß eine Banane und wurde blau. Hungrig war er vom Labor nach Hause gekommen und hatte gedankenlos nach einer der Bananen gegriffen, die im Obstkorb auf dem Wohnzimmertisch lagen. Er wurde blau im wörtlichen Sinne. Seine Haut begann, sich zu verfärben.
Herr Arbalo erschreckte sich gewaltig, als er diese Veränderung bemerkte. Gleichzeitig durchfuhr ihn der Gedanke, dass es eine von den brasilianischen Bananen gewesen sein musste.
Nun erscheint es recht ungewöhnlich, dass der Genuss einer Banane zur Verfärbung der Haut führt. Auch Herr Arbalo verstand nicht, was mit ihm geschah, und doch wusste er mehr. Mehr zumindest, als wir zu diesem Zeitpunkt wissen können. Mit Recht vermutete er, dass jene plötzliche Veränderung seiner Hautfarbe mit den Ereignissen im brasilianischen Urwald vor etwa sechs Wochen zusammenhing. Mit einem schlechten Gewissen erinnerte er sich an diese Zeit. Und er dachte an das dunkle Geheimnis, dass er seitdem gehütet hatte. Es belastete ihn, dieses Geheimnis. Es belastete ihn sogar sehr, wie ein schwerer Stein, ein Felsen, der auf seiner Seele lag.
Was war nun vor sechs Wochen im brasilianischen Urwald geschehen? Warum verursachte die Erinnerung an diese Zeit bei Herrn Arbalo ein schlechtes Gewissen? Was für ein dunkles Geheimnis war es, dass ihn so belastete? Und vor allem: warum wurde er blau, nachdem er die Banane gegessen hatte?
Um diese Entwicklungen zu verstehen, müssen wir wissen, dass Herr Arbalo Biologe war. Studierter Chemiker und promovierter Biologe, um genau zu sein. Damit hatte alles begonnen. Diese Tatsache war der Grundstein für alles, was später passierte. Denn ohne seinen Ruf als brillanter Wissenschaftler wäre Herr Arbalo nie dazu gekommen, in den brasilianischen Urwald zu reisen. Ja, er war eine Kapazität auf seinem Gebiet. Ein Forscher, mit dem sich weltweit nur etwa zehn andere Biologen messen konnten. Dies war sein Lebensweg. Schon früh hatte er sich gezeigt. Er hatte Talent und war ein unermüdlicher Arbeiter, und während seines Studiums der Chemie und Biologie hatte er sich als einer der besten hervorgetan. Mehr Zeit als jeder andere Student hatte er im Labor verbracht. Oftmals vergaß er während seiner Forschungen die Zeit vollkommen und verbrachte, ohne es zu merken, ganze Nächte dort. Doch Talent und Fleiß alleine machen noch keinen Wissenschaftler von Weltruf. Der eigentliche Grund für seinen Erfolg lag in seiner Spezialisierung. Sie war seine Bestimmung. Sein Schicksal, von Beginn seines Lebens an. Schon seit frühester Kindheit hatte es nur eines für ihn gegeben: Frösche.
Im Alter von drei Jahren fing Henry Arbalo während eines Picknicks mit seinen Eltern seinen ersten Frosch. An einem warmen Frühlingstag beschlossen sie, mit ihrem kleinen Sohn picknicken zu gehen. Auf einer sonnenbeschienenen Lichtung im Wald, inmitten der hellgrün sprießenden Bäume, breiteten sie ihre Decke aus, aßen und tranken, genossen die warmen Sonnenstrahlen und erfreuten sich an dem typischen frischen Duft eines Nachmittags im Frühling. Dies waren die Umstände, unter denen Henry seine Leidenschaft entdeckte und sein Leben damit bereits im Alter von drei Jahren in eine Richtung lenkte, die er von nun an konsequent beibehalten würde. Von nun an war alles vorbestimmt. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Bis der Zeitpunkt kam, an dem Herr Arbalo blau wurde.
Henry’s Eltern wunderten sich. Ihr kleiner Junge, der, seit er das Laufen gelernt hatte, eher schüchtern und schreckhaft am Rockzipfel seiner Mutter hing, zeigte sich ungewohnt mutig und aktiv an diesem Tag. Sie hatten ihre Decke am Rande der Lichtung ausgebreitet, um gleichzeitig die Frühlingssonne genießen und ihren Sohn in den Schatten der Bäume am Waldrand setzen zu können, denn sie fürchteten, dass seine junge, zarte Kinderhaut einen Sonnenbrand bekommen könnte. Doch Henry wollte nicht an seinem Platz bleiben. Wie magisch durch etwas angezogen tapste er auf seinen kurzen Beinchen Richtung Wald. Da er stets in Sichtweite blieb, ließen ihn seine Eltern gewähren. »Immerhin setzt er sich nicht in die pralle Sonne«, dachte seine Mutter.
Zeit seines Lebens würde er sich an den Tag erinnern, an dem er seinen ersten Frosch fing. Doch die Erinnerung an das Gefühl, welches ihn damals im Alter von drei Jahren in diesem Wald überkam, verschwand mit der Zeit. Als er größer wurde und schließlich begann, sein Tun mehr und mehr mit dem Verstand zu koordinieren, hatte jenes Gefühl keine Überlebenschance. Es starb und wurde vergessen. Zu kindlich war es gewesen, zu vegetativ, zu archaisch, um von einem erwachsenen, seriösen Wissenschaftler, der, wie es Wissenschaftler nun einmal tun, ausschließlich mit dem Kopf arbeitete, erinnert werden zu können. Dabei war es dieses Gefühl gewesen, welches ihn dazu gebracht hatte, aufzustehen und Richtung Wald zu gehen. Erst viel später, im brasilianischen Urwald nämlich, sollte er es erneut fühlen.
Nicht weit entfernt vom Picknickplatz zog etwas Henry’s Aufmerksamkeit auf sich. Es war die knorrige Wurzel eines mächtigen Ahorns, an dem er die tapsigen Schritte stoppte und sich auf seinen Hintern fallen ließ. Zu seiner großen Freude -und zum Missfallen seiner Eltern, die später große Mühe haben sollten, seine Kleidung wieder sauber zu bekommen- befand sich zwischen der mächtigen Wurzel des Ahorns ein feuchtes, schlammiges Milieu. Es war der winzige Überrest vom Ausläufer eines Moores, welches noch wenige Jahrzehnte zuvor einen großen Teil des Waldes bedeckt hatte. Doch dies wusste Henry natürlich nicht. Er war einfach nur fasziniert, denn an diesem kleinen Platz am Fuße des mächtigen Ahorns gab es für ein Kind von drei Jahren viel zu entdecken.
Da war zunächst das feuchte Milieu. Einfacher ausgedrückt: der Matsch. Wie alle kleinen Kinder liebte Henry es, im Matsch zu spielen und kam nur viel zu selten dazu, da seine Eltern ihn gewöhnlich daran hinderten – eine Verhaltensweise, die, nebenbei bemerkt, im Erwachsenenalter oftmals zu psychischen Störungen führt. Aus dem Matsch ragte die knorrige Wurzel, deren seltsam geschwungene Form es Henry angetan hatte. Von zu Hause kannte er nur gerade, klare Formen, wie die Wände ihrer Wohnung oder die Möbel. Seine Eltern bevorzugten einen Stil der klassischen Moderne, was auf die Phantasie eines Kindes nicht eben anregend wirkt. Hier draußen in der Natur jedoch waren die Formen rund, wie die Kronen und die Stämme der Bäume; herzförmig, elliptisch, sternförmig und gezackt wie die Blätter und Blüten, oder gebogen wie die Äste und die Wurzel des Ahorns. Noch nie zuvor hatte er eine derart stark gebogene Form aus der Nähe gesehen. Auch ihre Ausmaße beeindruckten ihn, denn die Wurzel war noch ein Stück größer als er selbst.
Das dritte besondere Merkmal dieses Platzes waren die Pflanzen, die dort wuchsen. In dem feuchten Milieu hatten sich Arten angesiedelt, die ganz anders aussahen als die Pflanzen, welche sonst in einem mitteleuropäischen Mischwald wachsen. Sie hatten dünne, hellgrüne Stängel, die sich in einer Zickzackform immer feiner verzweigten, um am oberen Ende einen feinen grünen Schleier zu bilden. Ihre Blätter waren herzförmig und von einem feinen Pelz bedeckt, die Blüten winzig klein und weiß.
Henry hatte einen außergewöhnlichen Ort entdeckt. Nicht mit dem Verstand begriff er es, sondern mit seiner kindlichen Intuition. Er war auf ein Geheimnis gestoßen. Niemand außer ihm kannte diesen Platz. Und so sollte es auch bleiben. Daher rannte er nicht, wie es Kinder meist tun, zu seinen Eltern, um ihnen seine Entdeckung zu zeigen, sondern schielte misstrauisch hinüber, um sicherzugehen, dass sie ihm nicht folgen würden. Doch die Eltern warfen nur ab und zu einen Blick nach ihm und widmeten sich ansonsten, angeregt durch den lauen Frühlingstag, Dingen, die er nicht begriff, weil er eben noch ein Kind war. Nebenbei bemerkt würde er diese Dinge auch später nicht begreifen, denn später würde er ein Wissenschaftler sein und keine Zeit für so etwas haben. Aber all dies wusste Henry nicht. Er wusste nur, dass er einen spannenden Platz entdeckt hatte, der sein Geheimnis bleiben sollte.
Nachdem er die Wurzel ausgiebig untersucht und anschließend eine Weile durch das Patschen im Schlamm seine kindliche Lust am sich-selbst-beschmutzen befriedigt hatte, wendete er sich den feinen Schleierpflanzen zu und betrachtete sie mit kindlichem Staunen. Und da geschah es. Plötzlich nahm er eine Bewegung wahr und sah dieses Ding, dass wie ein Kletterer an einer Felswand mit ausgestreckten Gliedmaßen langsam und konzentriert an einer der verzweigten Pflanzen emporkletterte. Es war ein Europäischer Laubfrosch, Hyla Arborea.

Anders als die übrigen europäischen Froscharten sind Laubfrösche hervorragende Kletterer, denn sie besitzen Haftscheiben an den Zehen und Fingern, mit denen sie sich auch auf glattem Untergrund gut festhalten können. Auch zeigen Laubfrösche nicht immer die typische grasgrüne Färbung, die man im Allgemeinen mit ihnen assoziiert, sondern können ihre Farbe der Umgebung anpassen. Und genau dies wurde dem kleinen Laubfrosch zum Verhängnis. Er hatte sich nämlich der Farbe des dunklen, schlammigen Untergrundes zwischen der Baumwurzel angepasst, in dem er gewöhnlich lebte, so dass er sich nun, während er an der Pflanze hinaufkletterte, deutlich von deren hellgrünem Farbton abhob. Henry griff nach dem kleinen, seltsamen Tier, und da der Laubfrosch mit Klettern beschäftigt war und nicht weghüpfen konnte, war er leicht zu fangen. Fasziniert betrachtete er das Wesen in seiner Hand. Der Frosch hingegen starb fast vor Angst und tat, was ihm in dieser Situation als das einzig sinnvolle erschien; er stellte sich tot. Leider wusste der Laubfrosch nicht, mit wem er es zu tun hatte. Natürlicherweise nahm er an, einem potentiellen Fressfeind in die Hände bzw. Pfoten gefallen zu sein. Und in diesem Fall wäre sein Verhalten -nämlich das sich-tot-stellen- sinnvoll gewesen. Die natürlichen Instinkte eines Laubfrosches kennen keine angepasste Verhaltensweise für den speziellen Fall, von einem dreijährigen Menschenkind gefangen zu werden.
Der bewegungslose Frosch erschien dem kleinen Henry langweilig. Daher schüttelte und malträtierte er ihn, damit er sich bewege, so dass der Frosch gar nicht wusste, wie ihm geschah. Als seine Eltern ihn riefen, steckte er den Frosch in die Tasche und entfernte sich widerwillig von seinem geheimen Ort. Auf dem Weg nach Hause erlag der kleine Laubfrosch in der Tasche den zahlreichen inneren Verletzungen, die Henry ihm zugefügt hatte. Als dieser merkte, dass sein neues Spielzeug sich überhaupt nicht mehr bewegen wollte, warf er es in das Gebüsch im Vorgarten seines Elternhauses, womit seine erste Begegnung mit einem Vertreter der Art, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigen sollte, ein denkbar tragisches Ende nahm.
Von nun an suchte Henry Arbalo immer wieder seinen geheimen Ort auf, zuerst mit seinen Eltern und später, als er größer war, alleine. Immer mehr Laubfrösche fielen ihm in die Hände, denn mit der Zeit wurde er ein meisterhafter Froschjäger. Dabei ging er nicht zimperlich mit den kleinen Amphibien um; im Gegenteil verfeinerte und radikalisierte er seine Untersuchungsmethoden, je größer er wurde und je mehr er über Frösche lernte. Ganze Generationen von Laubfröschen fielen ihm zum Opfer. Hätten seine Eltern nur gewusst, welch ein Gemetzel er mit dem Schweizer Taschenmesser anrichten würde, dass sie ihm zu seinem zehnten Geburtstag schenkten. Er sezierte die Frösche, häutete sie und schnitt ihnen Kopf oder Gliedmaßen ab. Doch sein Antrieb war nicht etwa kindlicher Sadismus. Er interessierte sich ernsthaft für Anatomie und Funktionsweise der kleinen Froschkörper. Sobald er lesen gelernt hatte, verschlang er gierig alles, was er zu diesem Thema finden konnte.
Seinen Eltern blieb Henry’s Obsession nicht lange verborgen, gleichwohl sie nicht wussten, was er an seinem geheimen Ort trieb. Als moderne, offene Eltern wollten sie die Interessen ihres Kindes frühzeitig fördern und schenkten ihm ein Terrarium mit bunten, exotischen Baumsteigerfröschen. Die ersten Gäste in Henry’s Terrarium waren der Gebänderte Baumsteiger (Dendrobates Leucomelas) und der Azurblaue Baumsteiger (Dendrobates Azureus). Man muss wissen, dass die Pfeilgiftfrösche oder Baumsteigerfrösche zwar zu den giftigsten Tierarten weltweit gehören, ihre Giftigkeit in Gefangenschaft jedoch schnell verlieren. In freier Natur ernähren sie sich von unterschiedlichen giftigen Beutetieren, deren Gifte sie akkumulieren und zu körpereigenen Stoffen umbauen. So produziert jede Art in Abhängigkeit von den bevorzugten Beutetieren ihren spezifischen Giftcocktail, dessen genaue Zusammensetzung ihr ureigenes Geheimnis ist. In Gefangenschaft stehen ihnen die Beutetiere, die sie für die Produktion ihres Giftes brauchen, nicht zur Verfügung, so dass in Terrarien gehaltene Pfeilgiftfrösche kein Gift mehr produzieren können. Somit ist es auch nicht möglich, das Gift der Frösche im Labor zu produzieren. Diese Tatsache sollte in Herrn Arbalo’s Leben zu einem späteren Zeitpunkt eine bedeutende Rolle spielen. Sie sollte zu einer Determinanten in der Verkettung von zahlreichen Umständen werden, die letztendlich darin münden würde, dass er blau wurde.
Henry’s Eltern wunderten sich. Sie wunderten sich, dass die Pfeilgiftfrösche in seinem Terrarium -die teuren Raritäten aus dem Fachhandel- sehr häufig alsbald verendeten. Dabei hatten sie sich ausführlich über die Haltung dieser besonderen Tiere informiert und achteten peinlich genau auf die Einhaltung der richtigen Temperatur, Luftfeuchtigkeit und die Fütterung mit einer sehr teuren Mischung von speziell für diesen Zweck gezüchteten lebendigen Insekten. Als Henry’s Vater eines Tages an seiner Steuererklärung saß und bemerkte, dass das Hobby seines Sohnes die Familie pro Jahr einen Betrag kostete, der etwa dem Wert eines Kleinwagens entsprach, beschlossen sie, die Zucht von Pfeilgiftfröschen aufzugeben. Henry, der damals fünfzehn Jahre als war, protestierte heftig und schlug schließlich vor, sein teures Hobby von nun an eigenständig zu finanzieren. Da er das einzige Kind seiner Eltern war, fiel es ihnen schwer, ihm einen Wunsch abzuschlagen. Von nun an finanzierte er sein Hobby – oder vielmehr seine Forschungen, denn bei dem, was Henry mit seinen Fröschen inzwischen anstellte, erscheint dieser Begriff angemessener – durch sein Taschengeld und Nachhilfeunterricht in Chemie und Biologie. Der Bestand von Europäischen Laubfröschen in dem nahegelegenen Waldstück erholte sich während dieser Zeit zusehends.
Herr Arbalo verfolgte seine Interessen konsequent. Er begann ein Studium der Chemie und Biologie und zeigte sich stets als einer der besten seines Jahrgangs. Ganze Nächte verbrachte er im Forschungslabor und machte sich durch zahlreiche Publikationen in den entsprechenden Fachzeitschriften allmählich einen Namen.
Im Prinzip hatte er somit das Richtige getan, indem er von klein auf nie seine Interessen aus den Augen verlor und sich auch später noch, als Wissenschaftler, mit den gleichen Dingen beschäftigte, die ihn bereits als Kind so sehr fasziniert hatten. Er hatte sich seinen Kindheitstraum verwirklicht, was ja nicht viele Menschen schaffen. Dennoch hatte er sich über die Jahre verändert. War ernster, seriöser und freudloser geworden. Die kindliche Faszination, die ihn anfangs noch antrieb, war alsbald anderen Motivationen gewichen. Ehrgeiz, der Wunsch, Karriere zu machen, Hunger nach Ruhm, nach einem einmaligen Ruf innerhalb der Scientific Community und auch Geld traten an ihre Stelle, obgleich er mit letzterem nicht viel anzufangen wusste, außer eben, es in weitere seiner Forschungen an den Dendrobatiden zu stecken.
Doch was genau erforschte Herr Arbalo an diesen exotischen Fröschen eigentlich? Nun, da gab es einige Dinge, von denen die meisten für Laien wohl recht schwierig zu begreifen sind, denn er war in seinem Studium bereits hoch spezialisiert. Seine Dissertation, die er schließlich im Alter von vierundzwanzig Jahren begann, trug den Titel: »Die Sequestration, Metabolisierung und Akkumulation von Batrachotoxinen durch den Digestionsprozess der Dendrobatiden am Beispiel der Art Dendrobates tinctorius var. Azureus«. Überträgt man die lateinischen Fachtermini, mit welchen Naturwissenschaftler in der Regel versuchen, sich von der gemeinen Bevölkerung abzuheben, in ein simples Deutsch, ließe sich das Thema von Herrn Arbalo’s Dissertation etwa folgendermaßen umschreiben: »Die Aufnahme, Umwandlung und Ansammlung von giftigen Stoffen (den sog. Pfeilgiften) durch den Verdauungsprozess der Baumsteigerfrösche am Beispiel der Art des blauen Baumsteigers«.
Kehren wir für einen Moment zurück in die Gegenwart, wo Herr Arbalo vollkommen blau in seinem Bett lag und versuchte, durch Nachdenken dem möglichen Grund für seine Verfärbung auf die Spur zu kommen. Hatte die Verfärbung seiner Haut tatsächlich mit dem Genuss der Banane zu tun? Wie könnte er diese Hypothese verifizieren? Der einzige statistisch reliable Weg wäre ein Experiment. Eine Doppelblindstudie. Der einen Hälfte der Probanden müsste er von seinen brasilianischen Bananen zu essen geben, der anderen Hälfte normale Bananen aus dem Supermarkt. Dabei dürften die Probanden nichts über die potentiellen Auswirkungen wissen, um Placebo-Effekte zu vermeiden.
In Gedanken ging Herr Arbalo verschiedene Szenarien durch. Würde er ein solches Experiment ethisch vertreten können? Es könnte seinen Ruf als Wissenschaftler schädigen. Schließlich wusste er nicht, was mit ihm geschah, geschweige denn, was vielleicht noch mit ihm geschehen würde, und ebenso wenig hätte er die Kontrolle über seine Testpersonen, noch ein Gegenmittel für den Notfall. Mit einem tiefen Seufzer verwarf er schließlich die Idee, ein Experiment an Menschen durchzuführen. Was konnte er nur tun? Herr Arbalo dachte nun einmal in streng wissenschaftlichen Denkmustern, die für das Problem einer plötzlichen Verfärbung der Haut keine Lösung kannten. Auf eine tragisch-komische Art stand er somit vor dem gleichen Problem wie der Laubfrosch, der seinem Schicksal die Richtung gewiesen hatte. Auch dieser kleine Frosch hatte durch seine natürlichen Instinkte gewissermaßen eine hohe Problemlösungskompetenz besessen, die jedoch für den speziellen Fall, in die Hände des dreijährigen Henry zu gelangen, keine angemessene Lösung beinhaltete. Das tragische Element dieses Vergleichs liegt, neben dem Tod des kleinen Frosches damals, in der Tatsache, dass Herrn Arbalo’s natürliche, kindliche Intuition zwar noch keine Lösung, jedoch den Grund für seinen unangenehmen Zustand kannte. Er besaß somit den Schlüssel, verbot sich aber durch seine mentalen Barrieren quasi selbst, ihn zu benutzen, denn er dachte ausschließlich in streng rationalen Schemata. Dabei versuchte sein Unterbewusstsein immer und immer wieder, zu ihm durchzudringen.
Verlassen wir den gegenwärtigen Herrn Arbalo nun wieder und kehren zum chronologischen Ablauf der Ereignisse zurück. Er begann also nach intensiven Studien, in denen er sich konsequent immer weiter auf sein Fachgebiet, die Dendrobatiden spezialisiert hatte, mit seiner Dissertation. Der Umwandlungsprozess, der im kleinen Körper eines solchen Frosches vor sich geht, stellt nicht etwa nur am Ende eine einzige Substanz, nämlich das Gift zur Verfügung, sondern verläuft über mehrere Phasen, während denen sich ganz unterschiedliche chemische Verbindungen bilden. Für einen Chemiker und Biologen wie Herrn Arbalo also ein wahrer Schatz, der bisher ungeahnte Entdeckungen verspricht. Er betrieb in dieser Hinsicht Grundlagenforschung, indem er versuchte, den Prozess zu erforschen, zu verstehen und letztendlich nachahmen zu können. Über die potentiellen Anwendungsmöglichkeiten in der Praxis hingegen war sich niemand so recht im Klaren, auch nicht Herr Arbalo selbst, denn sein Antrieb war der pure Forscherdrang. Dennoch hatte er, als unumstrittener Experte auf diesem Gebiet, eine Reihe von Möglichkeiten für den praktischen Einsatz der isolierten Substanzen in Erwägung gezogen. Sie reichten von Medikamenten gegen Krebs, Parkinson, Alzheimer und einer ganzen Palette von bisher unheilbaren Krankheiten über Antidepressiva und Potenzmitteln bis hin zu chemischen Kampfstoffen. Viel hatte er über die potentiellen Anwendungsmöglichkeiten in Fachblättern publiziert, denn er wusste, dass er damit vor allem bei mächtigen Pharmakonzernen, aber auch militärischen Forschungseinrichtungen auf großes Interesse stoßen würde. Seine Vorgehensweise war durchdacht, seine Motive eher simpel. Er brauchte Sponsoren. Reiche und mächtige Sponsoren, die seine Forschungen inklusive der Reisen und der teuren Spezialausrüstung finanzieren und ihm durch ihren Einfluss wichtige Türen öffnen könnten. Was sie letztendlich aus seinen Ergebnissen machen würden, war ihm gleichgültig.
Seine Rechnung ging auf. Alsbald fanden sich einige potente Geldgeber, die ihn zusammen mit einem internationalen Forscherteam auf eine Reise in einen der entlegensten Teile des brasilianischen Urwaldes schickten. Wer genau dahinter steckte, wusste er nicht. Erstens interessierte es ihn nicht, und zweitens waren nicht wenige der Geldgeber bemüht, ihre Identität und Interessen zu verschleiern. Offiziell betrieben Herr Arbalo und seine Kollegen daher Grundlagenforschung für die ewige Suche nach einem Mittel gegen Krebs. In Wahrheit hingegen suchten sie nach einem chemischen Kampfstoff, den man durch den Einsatz von gentechnisch veränderten Fluginsekten zielgerichtet einsetzen könnte, und nach einem Mittel, dass zur Veränderung der Persönlichkeit straffällig gewordener Jugendlicher verwendet werden sollte.
Die Reise erforderte sorgfältige und langwierige Vorbereitungen. Es mussten zahlreiche Kontakte hergestellt und Genehmigungen eingeholt werden. Von all dem bekam Herr Arbalo nicht viel mit, denn praktischerweise erledigten die Geldgeber derartige Formalitäten. Er kümmerte sich lediglich um sein Visum und stellte eine Liste der notwendigen Gerätschaften für das Feldlabor auf.
Der lange Flug sollte der angenehmste Teil der Reise werden. Nachdem Herr Arbalo und sein Team in der Küstenstadt Belém noch drei weitere Forscher aus den Vereinigten Staaten aufgenommen hatten, machten sie sich in Begleitung eines ortskundigen Führers und zweier bewaffneter Militärs auf die beschwerliche Reise in ihr Zielgebiet im Dreiländereck von Brasilien, Französisch-Guyana und Surinam. Große Teile der Reise legten sie mit Booten auf den schiffbaren Armen und Nebenflüssen des Amazonas zurück, was praktisch war, um die umfangreiche Ausrüstung zu transportieren. Für die Passagen der Reise, die durch den Regenwald führten, hatten die Geldgeber genügend Helfer angeheuert, welche das Forscherteam auch während der nächsten Monate mit Lebensmitteln, Medikamenten und sonstigen Gütern aus der fernen Zivilisation versorgen würden.
Der Platz, an dem sie nach ihrer vierwöchigen Reise ankamen und begannen, ihr Lager für die nächsten sechs Monate aufzuschlagen, lag am Nebenfluss eines Nebenflusses des Amazonas. Er unterschied sich auf den ersten Blick nicht wesentlich von dem Drumherum, da das ganze Gebiet von Regenwald bedeckt war. Er war stets feucht, da es mehrmals täglich regnete. Die vorherrschende Farbe war das allgegenwärtige Grün in verschiedensten Nuancen. Die gewaltigen, dicht an dicht stehenden und von Leben aller Art durchwucherten Bäume prägten das Bild.
Mit der Zeit sollten die Forscher, zumindest jene aus dem Team, deren Sinne für die mannigfaltigen Schönheiten der Natur zugänglich waren, den Platz kennen und schätzen lernen. Ihre Augen würden sich an den allgegenwärtigen Regenwald gewöhnen, und sie würden an ihrem Platz und den Arealen darum herum spezifische Merkmale und Landmarken entdecken, die ihnen auf ihren zahlreichen Streifzügen Orientierung bieten würden. Schließlich würden sie nach einigen Wochen sogar beginnen, sich an ihrem Platz vertraut, geborgen und zu Hause zu fühlen.
Seltsamerweise ging diese Entwicklung bei Herrn Arbalo schneller vonstatten als bei den anderen Mitgliedern des Teams. Bereits am ersten Abend erschien ihm der Platz auf geheimnisvolle Weise vertraut. Nachdem die Helfer die Zelte aufgebaut und die Gerätschaften für das Feldlabor ausgepackt und bereitgelegt hatten, ging Herr Arbalo ein paar Schritte um das Lager herum. Es dämmerte bereits. Wie gebannt stand er neben einem der Baumriesen und blickte in die Dunkelheit des Urwaldes. Sanft, fast ohne es zu merken, strich er mit der Hand über die gewaltige Wurzel.
Die Forscher begannen ihre Arbeit. Täglich unternahm eine Gruppe weitläufige Streifzüge, um Exemplare von möglichst vielen verschiedenen Arten der heimischen Baumsteigerfrösche zu fangen, die anschließend im Feldlabor untersucht, soweit als möglich einer Art zugeordnet und konserviert wurden. Die Familie der Dendrobatiden umfasst eine gewaltige Fülle verschiedener Arten, von denen die Wissenschaft derzeit 168 kennt. Weiterhin gibt es innerhalb der Arten verschiedene Unterarten, Varianten und Kreuzungen, die oftmals kaum zu unterscheiden und schwierig zu bestimmen sind. Die Systematik der Baumsteigerfrösche wird daher unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert und häufig neu geordnet. Obgleich dies nicht das primäre Ziel der Expedition war, würden die Wissenschaftler, quasi als Nebeneffekt, einige bisher unbekannte Arten entdecken, denn die bisher bekannten und beschriebenen 168 Arten bilden nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs.
Auch langwierige Beobachtungen von lebendigen Fröschen gehörten zu den Aufgaben der Wissenschaftler. Neben den Verhaltensweisen in ihrem natürlichen Lebensraum interessierte die Forscher vor allem ihr Fressverhalten, die Art und Menge der Beutetiere und die Reihenfolge, in der sie aufgenommen wurden, denn nur so könnten sie dem Geheimnis der Giftherstellung der verschiedenen Arten auf die Spur kommen. Zur Laborarbeit gehörte daher auch das kunstvolle Sezieren der winzigen Frösche und die Analyse ihres Mageninhalts sowie der in den verschiedenen Organen akkumulierten Substanzen zu verschiedenen Zeitpunkten. Eine Tätigkeit, die Herr Arbalo mit seinen winzigen, eigens für diesen Zweck angefertigten Skalpellen in vollendeter Kunstfertigkeit beherrschte.
Herr Arbalo und sein Team hatten also genügend spannende Aufgaben, denen sie sich mit einer Hingabe widmeten, die nur echten Forschern innewohnt. Für sie war dieser Ort ein Eldorado, ein Land voll von gleißendem Gold und funkelnden Edelsteinen. So verging die Zeit wie im Flug. Kaum dass sie begonnen hatten, war der erste Monat ihres Aufenthaltes in diesem entlegenen, kaum erforschten Teil des brasilianischen Regenwaldes bereits vorüber. Dass sie schon seit ihrer Ankunft unter ständiger Beobachtung standen, wussten sie nicht, denn ihre Sinne waren vergleichsweise abgestumpft und begannen erst allmählich, sich langsam wieder zu schärfen. Die Wahrnehmung ihrer heimlichen Beobachter hingegen hatte sich während Jahrtausenden über Hunderte von Generationen an ihren Lebensraum angepasst. Hätten Herr Arbalo und seine Kollegen zumindest eine bestimmte Art von Sensibilität, ein Gespür besessen, hätten sie wohl bemerkt, dass sie sich innerhalb eine Gebietes befanden, in dem bereits andere Menschen lebten und jagten. Doch auch diese intuitiven Pforten ihrer Wahrnehmung waren bereits seit Generationen, gleich ihren physischen Sinnen, verkümmert.
Die Bewohner des Gebietes beratschlagten, was zu unternehmen wäre. In der heutigen Zeit gibt es nur sehr wenige kleine Gemeinschaften, die von der sogenannten Zivilisation vollkommen unberührt geblieben sind. Selbst diejenigen, die tatsächlich noch keinen Kontakt hatten, wissen aus Erzählungen von Vorfahren, Verwandten oder benachbarten Völkern von der anderen Welt. So wussten auch die heimlichen Beobachter zumindest grob, mit wem sie es zu tun hatten. Einige von ihnen hatten bereits mit einem dieser bleichen Wesen flüchtigen Kontakt gehabt. Manche waren daraufhin auf unerklärliche Weise gestorben. Da sie so seltsam und fremdartig erschienen, hatten ihre Urgroßväter sie mit einem Begriff bezeichnet, der sich in unserer Sprache wohl am ehesten mit dem Wort »Geister« wiedergeben lässt.
Ein junger Krieger schlug vor, sie mit Pfeilen zu durchbohren, um zu sehen, ob sie sich dann vielleicht auflösen würden. Obgleich sein Vorschlag vor allem unter den Kriegern einige Befürworter fand, winkte der Anführer ab. Er war alt und weise und wusste, dass diese Geister, so lächerlich sie auch aussahen, große Macht hatten und ein solches Vorgehen den Seinen nur Ärger einbringen würde.
Herr Arbalo entdeckte indes neue Seiten an sich. Obwohl er viel zu tun hatte und sich mit leidenschaftlicher Hingabe seinen Forschungen widmete, merkte er, dass etwas in ihm entstand. Bereits am ersten Abend hier hatte er es gemerkt. Es keimte in ihm, und mit der Zeit wuchs es, wurde immer größer und drang immer stärker zu ihm durch. Jeden Abend nach getaner Arbeit schlich er um das Camp herum und starrte in die Dunkelheit des dichten Urwaldes. Er wusste nicht, wonach er suchte. Er wusste nicht, warum er sich immer wieder an den Rand des Waldes zu den Baumriesen begab, um in die Dunkelheit zu starren, anstatt gemütlich in seinem Zelt wissenschaftliche Fachblätter zu studieren. Es war ein Gefühl, dass ihn dazu trieb. Das gleiche Gefühl, welches ihn an jenem schicksalhaften Moment in seiner frühen Kindheit dazu getrieben hatte, sich aus der schützenden Nähe seiner Eltern zu entfernen und in den unbekannten Wald zu gehen. Hier, an diesem Ort im brasilianischen Regenwald, erwachte es von neuem. Es erwachte, keimte und begann zu wachsen wie ein Samen, der Jahrzehnte lang unter Trümmern verharrend, plötzlich durch ein zufälliges Tröpfchen Wasser zu neuem Leben erweckt worden war.
Wie die meisten Gefühle setzte sich auch jenes, welches Herrn Arbalo während dieser Zeit heimsuchte, aus verschiedenen Elementen zusammen. Eines dieser Elemente war Vertrauen. Ein Urvertrauen der grundlegendsten Art, wie es ein Kleinkind im Arm seiner Mutter spüren mag, bevor es heranwächst und sich den zahlreichen Anforderungen des Lebens stellen muss. Das zweite Element seines Gefühls war Sicherheit. Die Sicherheit, dass Ort und Zeit sein waren. Dass Ort und Zeit ihm, und nur ihm gehörten, als wäre er der einzige Mensch auf dieser Welt. Dass er genau jetzt hier war, weil er genau jetzt hier sein musste. Dieses zweite Element hing untrennbar mit dem dritten zusammen, welches sich am ehesten als eine Art von Erwartung beschreiben lässt. Die Erwartung eines großen, wichtigen Ereignisses, eine diffuse Vorahnung, dass etwas schicksalhaftes auf ihn wartete. Irgendwo da draußen, in der schwarzen Dunkelheit des Urwaldes.
Nun war Herr Arbalo bekanntlich kein Mensch, der viel auf Intuition und Gefühle gab. Er war ein Mann, der seinem logischen Verstand folgte. Ein aufgeklärter Mann der Wissenschaft. Daher schenkte er diesem Gefühl auch keine große Aufmerksamkeit, zumal er genug zu tun hatte und sich durch seine spannende Arbeit ausreichend ablenken konnte. Nur abends, nach getaner Arbeit, drang es ansatzweise zu ihm durch, indem es ihn an den Waldrand trieb und in das Dunkel blicken ließ. Seinem Unterbewusstsein, aus dessen unergründlicher Tiefe das beschriebene Gefühl stammte, war dies jedoch nicht genug. Es suchte weitere Wege, um zu ihm durchzudringen. Der ureigene und mächtigste Weg des Unterbewusstseins ist der Traum.
So träumte Herr Arbalo eines nachts in seinem Zelt in diesem kaum erforschten Teil des brasilianischen Regenwaldes einen Traum, der ihn mit seiner Intensität und Klarheit verwirrte. Das Mischgefühl aus Urvertrauen, Sicherheit und schicksalhafter Vorahnung drang nun auf diese Weise zu ihm durch, verpackt in die Handlung eines Traumes.
Während Herr Arbalo träumte, näherten sich die Ureinwohner mit ihren Beratschlagungen einem Ergebnis. Nach intensiven Diskussionen beschlossen sie, mit den Eindringlingen in Kontakt zu treten. Dabei würden sie sehr vorsichtig vorgehen. Während ihrer wochenlangen Beobachtungen waren ihnen die beiden bewaffneten Männer, die zu Schutz des Teams abgestellt worden waren, nicht entgangen. Sie kannten die furchtbare Wirkung dieser Waffen aus überlieferten Erzählungen. Im Vergleich mit diesen Waffen töteten ihre vergifteten Pfeile leise und zärtlich. Ohne weiteres hätten sie, den Überraschungseffekt auf ihrer Seite, jeden Einzelnen der Eindringlinge sanft damit töten können. Auch die beiden Wächter wären tot gewesen, bevor sie ihre Gewehre hätten anlegen können. Doch aus der kollektiven Erfahrung ihres Volkes wussten sie, dass diese Lösung nur kurzfristig war und dafür langfristig um so verheerendere Folgen haben würde. Sie würden also Kontakt aufnehmen und versuchen zu erfahren, was die Geister in ihrem Jagdgebiet taten und ob sie vorhatten, für immer hier zu bleiben.
Herr Arbalo erwachte im eigenen Saft. Durch das schwül-heiße Klima schwitzte er bereits weit mehr als sonst, doch in dieser Nacht hatte der Schlafsack seinen Schweiß literweise aufgesogen und klebte nun feucht-warm an seinem Körper. Der Traum war noch bei ihm, als er zwischen Schlafen und Wachen dahindämmerte. Der Schreck saß ihm noch in den Gliedern. Verwirrt versuchte er, den gesamten Traum noch einmal von Anfang bis Ende zu erinnern. Es war eine Ausgrabung gewesen. Archäologische Grabungen in einer Wüstenlandschaft…
Weiche, rötlich-gelbe Sanddünen soweit das Auge reicht. Eine Sonne, die erbarmungslos auf die Köpfe der im Sand wühlenden Menschen brennt. Viele Menschen sind es, vielleicht Hunderte, die dort um ihn herum im Sand graben. Sie alle scheinen fieberhaft nach etwas zu suchen. Auch Herr Arbalo gräbt im Sand, wie selbstverständlich, angetrieben durch vom Forscherdrang. Wie ein Verdurstender, der mit brennender Kehle verzweifelt nach Wasser sucht. Jemand ist bei ihm und hilft ihm beim Graben. Er hat das sichere Gefühl, dass es hier schier unermesslich wertvolle Dinge zu entdecken gibt. Fieberhaft graben sie, Stunde um Stunde. Endlich stößt die Schaufel im weichen Sand auf etwas hartes. Endlich eine Entdeckung. Langsam legen sie es frei. Herr Arbalo hat eine steinerne Kammer entdeckt. Unverkennbar von Menschenhand gemacht. Sie ist voll Sand, denn die Decke fehlt oder ist im Laufe der Jahrtausende selbst zu Sand zerfallen. Langsam legen sie die massiven Wände frei. Nichts. Die Kammer ist leer. Enttäuscht halten sie inne. Auch die anderen Ausgräber um sie herum legen ihre Arbeit nieder und ziehen sich für eine Pause an den Rand des Grabungsgeländes zurück. Doch Herr Arbalo kann nicht aufhören. Etwas treibt ihn immer weiter und weiter. Er weiß, hier muss etwas sein. Er untersucht die Kammer genau, während sein Helfer ihm von Rand aus gelangweilt zusieht. Er betrachtet die Seitenwände und schabt den Sand von den behauenen Steinen. »Es ist seltsam feucht hier drinnen, als wäre Wasser von unten eingedrungen. Eine im Sand versunkene leere Kammer hat keinen Sinn. Irgendwo hier muss etwas sein.«
Plötzlich entdeckt er etwas. Sein Gefühl hat ihn nicht betrogen. In einer Seitenwand der Kammer legt er eine quadratische Tür frei, gerade so groß, dass ein Mensch hindurch schlüpfen kann. Ein Schlüssel steckt darin. Sein Helfer springt zu ihm in die Kammer, dreht den Schlüssel und öffnet vorsichtig die Tür. Der modrige Hauch Jahrtausende alter Luft schlägt ihnen entgegen. Und da liegen sie. Aus der zweiten Kammer, die sich hinter der Tür befindet, grinsen ihnen wie zur Begrüßung drei Totenschädel entgegen.Vorsichtig nähert sich Herr Arbalo, um sie genauer zu betrachten. Jede der skelettierten Mumien hat einen roten Zettel im Nacken klemmen, auf dem mit krakeliger Schrift etwas geschrieben steht. Er kann sich das nicht erklären. Hatten andere Ausgräber dieses Grab vor ihnen entdeckt und diese Nachrichten hinterlassen? Er beugt sich vor und liest. »Wir greifen« steht dort. Was hat das zu bedeuten? Sein Helfer berührt eine der Mumien. Ihr Arm klappt aus und streift Arbalo am Bein. Das Gefühl, etwas mystisches, machtvolles und gefährliches entdeckt zu haben erfüllt ihn. Gleichzeitig fühlt er, dass dies seine Entdeckung ist. Was immer sich in dieser Kammer verbirgt, ist für ihn wichtig und wertvoll. Die Dinge aus der Kammer würden ihm eine neue Dimension eröffnen. Wie als Bestätigung seines Gefühls und gleichzeitig als Versprechen schimmert hinter den drei skelettierten Mumien der prächtige, goldene Sarkopharg eines Pharao. Herr Arbalo kann die Macht des gottgleichen Herrschers förmlich spüren, die Luft ist erfüllt davon wie von der knisternden elektrischen Spannung vor einem Gewitter. Furcht überkommt ihn. Furcht vor etwas Unbekanntem, dem er alleine nicht entgegentreten kann. Er wird die Tür wieder verschließen und das Grab erst im Beisein von anderen, die sich besser mit so etwas auskennen weiter untersuchen. Doch er kommt nicht mehr dazu. Plötzlich beginnen die Mumien, sich zu bewegen. Zum Leben erwacht greifen sie nach ihm. Immer wilder werden sie und versuchen mit aller Kraft, ins Freie zu gelangen, um ihn anzugreifen. Unter Todesangst schreit Arbalo um Hilfe. Jemand muss kommen und den Schlüssel umdrehen. Die Mumien versuchen bereits, ihn von der anderen Seite aus dem Schloss zu drücken. Sein Helfer scheint den Ernst der Lage nicht zu begreifen und steht gemütlich da, während Arbalo mit all seiner Kraft die steinerne Tür zudrückt. Schon stecken sie ihre knochigen Arme durch die Öffnung! Gleich werden sie ihn haben und über ihn herfallen!!… Mit einem Schrei schreckte er hoch. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er erleichtert realisierte, dass er all dies nur geträumt hatte.
Im Dorf der Ureinwohner bereitete sich eine Gruppe von fünf Kriegern auf den Erstkontakt mit den fremden Geistern vor. Es gab einen besonderen Mann in diesem Dorf. Einen Mann, der bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten besaß und innerhalb seiner Gemeinschaft eine Funktion innehatte, die wir Menschen aus den westlichen Kulturen in der Regel unter dem Begriff »Schamane« zusammenfassen. Der Kontakt mit Geistern fiel in sein Aufgabengebiet. In derartigen Dingen lag sein Talent. Bevor sich die Krieger also bereit machten, um den physischen Kontakt zu suchen, hatte er auf seine Art eine Kontaktaufnahme versucht. Doch diese fremden Geister waren anders als die, mit denen er üblicherweise zu kommunizieren pflegte. Sie waren seltsam verschlossen. Er konnte nicht zu ihnen durchdringen. Seinen Kontaktversuch hatten sie einfach ignoriert. Im Laufe seines Lebens hatte er viele Erfahrungen mit diversen Geistern gesammelt, so etwas jedoch war ihm noch nie passiert. Alle normalen Geister, seien es Naturgeister, Tiergeister oder die Geister der Ahnen, waren höchst sensibel und aufmerksam. Nichts entging ihnen, erst recht nicht, wenn ein Mensch versuchte, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Diese fremden Geister hingegen waren anders. Seltsam und für ihn absolut undurchschaubar.
Bei einem einzigen von ihnen jedoch hatte er etwas bemerkt. Dieser Geist stand am Beginn einer sehr mächtigen Verwandlung, die ihm just in jener Nacht, als der Schamane die Kontaktaufnahme versucht hatte, durch einen Traum angekündigt worden war. Er wies die Krieger an, jenen Mann aufzusuchen, der geträumt hatte. »Dieser Mann hat eine besondere Beziehung zu den kleinen, heiligen Wesen«, sagte er, bevor er sich an die ihm vertrauten Geister des Urwaldes wandte und um Schutz für seine Krieger bat.
Neugierig geworden? Wer wissen möchte, wie die Geschichte weitergeht, schreibe einen Kommentar. Dann stelle ich weitere Kapitel online.
Ich laufe am Fluss entlang. Es ist ein heißer Julitag. Die Hitze kommt von allen Seiten. Nirgendwo Schatten. Von oben brennt die Sonne. Ich kann förmlich sehen, wie sie meine Haut bräunt. Von unten geben die Flusskiesel ihre gespeicherte Glut an meine nackten Füße ab. Ich mag es, dieses Brennen unter den Fußsohlen. Man spürt die Kraft der Sonne von allen Seiten. Man spürt, dass man lebt.
Der Fluss führt kaum Wasser. Nur dünne Rinnsale durchschneiden das kiesige Bett. An einigen Stellen stauen sie sich in tiefen, schlammigen Löchern. Wasser fasziniert mich. Kleine Kinder zieht das Wasser an, wie gebannt plantschen sie in Brack und Schlamm. Eltern mögen so etwas nicht. Die Kinder machen sich schmutzig. Sie könnten sich Krankheiten holen oder gar ertrinken. Warum machen sich Eltern nur so viele Sorgen? Warum begreifen sie nicht, dass Kinder Wasser nicht nur zum Trinken und Waschen brauchen? Bei mir brach diese kindliche Faszination niemals ab. Wenn ich Wasser sehe, höre oder rieche, kann ich nicht widerstehen. Ich muss hingehen und hineinschauen. Ist es klar, kann man den Grund sehen? Oder ist es trüb und geheimnisvoll, vielleicht unendlich tief? Leben Fische dort? Ich möchte sie fangen!
An diesem Fluss wird es wohl kaum Fische geben, zumindest nicht zu dieser Jahreszeit. Zu wenig Wasser, zu abgestanden und brackig. Ich muss es dennoch versuchen. Es ist mir ein Bedürfnis. Deswegen bin ich hier. Um meine Angel auszuwerfen. Die ganze Zeit schon trage ich sie mit mir herum. Ich stelle mich an das Ufer und werfe. Es ist schwierig, genau die Löcher im Flussbett zu treffen, in denen noch Wasser steht. Und wenn ich treffe, versinkt der Köder im Schlamm. Meine Angel ist schwarz-weiß gestreift. Eine sehr schöne, gut gepflegte Angel. Aber sie ist groß. Sehr groß. Schwer und unhandlich. Kaum zu handhaben. Das Werfen des Köders ist äußerst schwierig und anstrengend mit dieser Angel. Ich werde weiter flussaufwärts ziehen, um eine geeignetere Stelle zum Fischen zu finden. Dem Fluss entgegen der Fließrichtung folgend, gelange ich in eine Schlucht. Der Fluss ergießt sich hier über eine Reihe von steinernen, abgetreppten Becken. Ich arbeite mich weiter flussaufwärts, steige die Stufen hinauf, an den Becken entlang. Diese Wasserlandschaft ist von Menschen gestaltet. Das natürliche Gestein ist in gerade, geometrische Formen gebracht worden, der Lauf des Flusses durch die tiefen Becken gelenkt und gestaut. An einigen Stellen treffe ich badende Menschen. Noch weiter flussaufwärts wird die Landschaft wieder natürlicher und wilder. Zwischen dicht bewaldeten Felsbrocken bahnt sich der Fluss seinen Weg, schnell fließend, schäumend, spritzend, ungebändigt. Hier wäre eine gute Stelle. Aber nicht mit dieser Angel. Ständig verhakt sie sich im Geäst der Bäume. Ich bräuchte eine kleine, schlanke, filigrane Angel, mit der man auf kleine, schnelle Fische in einem kleinen, schnell strömenden Fluss fischen kann. Viel zu groß, zu sperrig, zu unhandlich ist diese Angel.
Mein Vater gab sie mir, bevor ich ging. Warum nur gab er mir so eine unpraktische Angel? Wusste er nicht, dass ich an den Fluss will? Wusste er nicht, dass ich nicht flussabwärts ans Meer gehen würde, sondern flussaufwärts ziehen will, immer weiter, bis an die Quelle? Mein Vater ist Hochseefischer. Big Game. Aber muss denn immer das Meer das Ziel sein? Manche Menschen leben am Meer, andere am Fluss, wiederum andere an einer Quelle. Alles hat seinen Reiz. Das Meer ist nicht besser, es steht nicht in irgendeiner Hierarchie höher als der Fluss. Und ohne die Quelle würden weder der Fluss noch das Meer existieren. Mein Vater weiß das doch…
Ich begriff. Diese sperrige Hochseeangel war die einzige gewesen, die er je besessen hatte. Seine einzige Angel gab er mir.
Sein Gesicht ist zart; kindlich, harmonisch und sanft, fast weiblich. Auf seiner Oberlippe sprießt der erste Flaum. Man sieht dem Gesicht an, wie die Hormone in seinem Körper miteinander ringen. Das hervorbrechende Testosteron kämpft mit dem Östrogen seiner Mutter. Sein Blick ist entschlossen und hart, kann jedoch die Verletzlichkeit tief in seinem Inneren nicht verbergen. Es liegt eine gefährliche Spannung in diesem Gesicht; unreif und voller Konflikte. Der junge Mensch kann sehr sanft sein, jedoch auch ohne ersichtlichen Grund und vollkommen unerwartet grob und brutal werden.
“Hey Alter, was liegt an?” begrüßt er mich. “Ich sag’ Dir, ich hasse meine Mum. Ständig kontrolliert sie mich. Sie nervt. Elendige Spießerfamilie. Ich muss da raus, möglichst bald. Eigene Wohnung. Mit meinen Kumpels in der Stadt abhängen. Wenn mein Vater noch bei uns wäre, der würde es ihr schon zeigen. Ist früh weg, mein Alter. Kein Bock auf Familie und Verantwortung und so. Wenn ich weggehe, ist sie ganz allein. Kann ich net bringen. Sie ist ja auch arm dran. Schafft den ganzen Tag, 16 Stunden, damit wir die Miete bezahlen können. Ich schaffe auch schon. Nach der Schule, in der Autowerkstatt. Muss dazuverdienen. Manchmal nervt sie aber echt. Nach dem ganzen Stress muss ich auch mal raus, verstehste? Mal einen drauf machen. Mich besaufen. Das will sie nicht. Hat Angst um mich. Das ich so werde wie mein Vater. Aber so werde ich nicht. Ich kann Verantwortung übernehmen. Ich hab Ziele. Will Schweisser werden. Das kann ich gut. Gute Schweisser verdienen echt gut Kohle. Aber manchmal hab ich echt keinen Bock mehr. Da schreie ich sie an, wenn sie mir Politik machen will. Verstehste?!”
Gelandet im sicheren Hafen
Brechen wir auf
Denn Ankunft und Aufbruch sind eins;
Kein Anfang zu finden
Kein Ende in Sicht;
Wie Würmer im Staub;
Winden uns ewiglich.
Wuselnde Ameisen
Bauen Brücken
Ziehen Grenzen
Gründen Staaten
Führen Kriege.
Brechen auf und kommen an
Beginnen stetig von neuem
Und finden doch kein Ende.
Kommt und landet, Ameisenkönige.

Täglich sterben sie
Verrecken kläglich
Massenweise
Wie andere vor ihnen
Gehen unter
Katastrophe
Doch was geschieht?
Was geschieht mit ihnen?
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Alles ist Energie
Jedes Tier
Jede Pflanze
Jeder Klang
Jedes Licht
Jedes Sandkorn
Jeder Mensch
Ihre Körper -
Natur
Nahrung
Humus
Ihre Wesen -
Wesen wie viele andere
Energie vergeht nicht
Ist unsterblich
Wechselt Frequenz und Form
Wird transformiert
———————————

Ihre Wesen gehen über –
Wie Zehntausende
Hunderttausende
Millionen vor ihnen
Die lebten und starben
Wenige zufrieden
Viele versklavt
Gequält
Gemordet
Dasein – ewiger Kampf
Werden und Vergehen
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Mensch-Maschine
unkontrollierbar
führerloser Mischmasch
Kulturen
Religion
Gedanken
Konzepte
Ideologien
Technologien
Bedürfnisse
Moden
Gier
Was geschieht, wenn »der Westen« untergeht?
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Energie vergeht nicht
Wird transformiert
Geht über
Wohin?
In eine andere, unvorstellbare, neue Form des Seins?
Die ewigen Jagdgründe?
Hoka-Hey!
Ein guter Tag zum Sterben
Die Mensch-Maschine stirbt
Jedes einzelne Teil
Manche entschlafen sanft, andere verrecken qualvoll
- Leben ist Leid -
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Große Jäger
Auf rassigen Pferden
Jagen die Herden
König im Diesseits
Kriecht im Jenseits
Wühlt nach Würmern
Kann nicht jagen
Herr über das Geld der Welt
Krüppel im Geiste
Unreifes Kind
Immer geblieben
Wie blind waren wir
Freudige Sklaven der Mensch-Maschine
Tretend
Laufend
Rennend
Immer schneller
Immer mehr
Kollaps
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Im Jenseits wahre Könige
Einst Sklaven wie wir
Ihre Körper – unsere Sklaven
Jahrunderte
Ihre Seelen – weise und alt
Jahrtausende
Badend in ihrem Blut wurden wir reich
Materiell
Doch immer ärmer im Geist
Entwurzelt
Verlassen
Verloren
Suchend nach Sinn
Gründeten Staaten
Zogen Grenzen
Ordneten
Charakterisierten
Katalogisierten
Diskriminierten
FÜR WEN?